ATSB1808 Das Kinesio-Tape

Das Kinesio-Tape - Das moderne Heilmittel oder Placebo?

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Veranstaltung Aktuelle Themen der Sportbiomechanik
Autor(en) Eva K., Kai K., Aniela S.
Bearbeitungsdauer 45 min
Zuletzt geändert am 20.06.2018




1. Einleitung

Die heutige Zeit ist geprägt von ständigen Veränderungen. Stillstand bedeutet Rückschritt! Dieser Grundsatz zieht sich durch alle Bereiche, um bessere Produkte zu erzeugen oder weniger Ressourcen für die Herstellung bestimmter Artikel zu verwenden. Auch die Welt des Sports ist davor nicht geschützt. So kann es durchaus vorgekommen sein, dass jedem Sportinteressierten in den zurückliegenden Jahren die farbenfrohen Tapes an den Aushängeathleten der jeweiligen Sportarten aufgefallen sind. Mediale Aufmerksamkeit erzeugte z.B. Mario Balotelli mit seinem Tor im Halbfinale gegen Deutschland 2012 bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit den „mysteriösen“ Klebestreifen auf seinem Rücken. Weiterführendes Video .

Das Kinesio-Tape hat das Phänomen, innere Blockaden zu lösen und dadurch den Menschen von Schmerz zu befreien. In Deutschland sind über acht Millionen Menschen von Dauerschmerzen betroffen - hauptsächlich in den Bereichen Rücken, Kopf und Gelenken. In vielen Fällen kann der Einsatz von Tapes den Heilungsprozess in Gang setzten, allerdings können Tapes nicht bei jeder Erkrankung helfen (Groths & Gerick, 2008, S. 13f,16). In diesem Artikel zum neumodischen kinesiologischen Taping soll zunächst ein geschichtlicher Entstehungsprozess beleuchtet werden. In der Folge werden die Eigenschaften und Funktionen näher betrachtet, die letztlich verdeutlichen sollen, in welchen Bereichen das kinesiologische Taping Anwendung findet. Doch wo liegt das Erfolgsgeheimnis des auffallenden Accessoires, die lediglich auf der Haut aufgeklebt werden? Bei vielen Wissenschaftlern herrscht dazu Uneinigkeit. Durch die Berücksichtigung aktueller Studienergebnisse möchten wir letztlich Aussagen darüber treffen, ob eine Wirkung auftritt und ob diese dem Kinesio-Tape zuzuordnen ist.

verfasst von Eva K., Kai K., Aniela S.



2. Geschichte

Als Vorläufer des elastischen Tapes, das wir heute als Kinesio-Tape kennen, wurde das unelastische Tape traditionell in der Sportphysiologie zur Ruhigstellung des verletzten Gelenks benutzt bzw. um die Gelenkstrukturen vorbeugend zu schützen (Langendoen, 2014, S. 22-23). Unter einem unelastischen Tape wird im Allgemeinen Verband verstanden, welches in seinen Eigenschaften dick und sehr stark klebend ist. Sie haben das vorrangige Ziel, eine eingeschränkte Mobilität bei gezielter Stabilität zu erreichen und hierbei vor allem als passive Stütze, in der behandelnden Köperregion, zu dienen (Fischer, 2011, S. 5f).

Die ersten funktionellen Verbände gab es bereits vor 3000 Jahren in Ägypten und Griechenland. Die Verbände waren zu der Zeit einfache Stoffstreifen, die in warmes Harz getränkt wurden. Mit dieser Methode entstand ein selbstklebender Verband, der nach dem Verhärten die entsprechenden Körperpartien ruhigstellte. Der deutsche Anatom Lorenz Heister hat zu Lebzeiten herausgefunden, dass die Gelenke zwischendurch bewegt werden müssen, damit die Gelenke mit der Zeit nicht versteifen. Allerdings waren die bis dorthin bekannten Pflaster zu porös, um sie für diesen Zweck einsetzen zu können. Paul Beiersdorf beschäftigte sich mit diesem Problem und erfand 1882 das gebrauchsfertige medizinische Pflaster auf Gewebebasis (das spätere Leukoplast). Diese neue Erfindung nutzte der New Yorker Chirurg Virgil Pendleton Gibney für sich und entwickelte eine neue Technik: das „Gibney-Verband“. Mithilfe dieser neuen Anlagetechnik konnten erstmals Gelenkstrukturen gezielt ruhiggestellt bzw. immobilisiert werden. Im Laufe der Jahre wurden immer wieder neue Techniken entwickelt und konzipiert, um die Gelenkstrukturen gezielt zu unterstützen und zu entlasten (Eder & Mommsen, 2013, S. 9f).

In den 1970er und 1980er Jahren experimentierte der japanische Chiropraktiker und Praktizierender der Kinesiologie Kenzo Kase erstmals mit dem elastischen Tape-Material. Er entwickelte zu der Zeit in den USA und später in Tokio elastisches Klebematerial. Sein Ziel war es, die Eigenschaften der Haut gezielt zu nutzen und nachzuahmen, um so den Stoffwechsel und die Zirkulation zu fördern und somit den Heilungsprozess zu unterstützen. Seine Taping-Methode beruht auf den Prinzipien der angewandten Kinesiologie und trägt daher den Namen Kinesio-Taping. Da das Konzept des Kinesio-Tapings allerdings auf fernöstlicher Vorgehensweisen und der Kinesiologie basiert, wird es in der westlichen Medizin bis heute noch nicht wissenschaftlich anerkannt. Es gibt immer wieder Ärzte und Therapeuten, die ihre eigene Interpretationen und Ideen miteinfließen lassen (Langendoen, 2014, S. 22f).

Heutzutage hat das funktionelle Tape das primäre Ziel, eine maximale Stabilität bei gleichzeitiger Beweglichkeit des Gelenkes zu ermöglichen. Durch die immer weiterentwickelten Materialien und der großen Auswahl an hoch entwickelten und modernen Verbandsstoffen, ist das Tapen in allen Bereichen wie Freizeit- und Leistungssport und der Versorgung von Patienten jeden Alters ein gängiger Bestandteil in der Prävention, der Therapie und der Rehabilitation geworden (Eder & Mommsen, 2013, S. 10).

verfasst von Eva K.

3. Eigenschaften und Funktionalität

Die Hauptfunktion eines Tapeverbandes liegt im optimalen Gleichgewicht zwischen der notwendigen Stabilität und der funktionellen Mobilität. Zudem soll die Anlage des Tapes gleichzeitig die Gewebestrukturen entlasten sowie die Belastung durch stabilisierende, stützende Funktionen ermöglichen. Die Auswahl des Herstellers und des Materials sind hierbei entscheidend. Ein gutes Tape besteht aus 100% Baumwollen mit Acrylkleber ohne sonstigen Wirkstoffen, es ist 30-40% dehnbar, atmungsaktiv, wasserfest und es hält 3-7 Tage (Eder & Mommsen, 2013, 12).

Die Therapie findet oft Anwendung in der Sportmedizin, bei Verletzungen des Haltungs- und Bewegungsapparates. Allerdings sollten bei der Anlegung des Tapings ein paar Regeln eingehalten werden:

  • Ein Vorwissen über anatomische Strukturen und funktionellen Mechanismen des Bewegungsapparates sollte vorhanden sein.
  • Die Durchführung eines Anamnesegespräches wird empfohlen (Was ist passiert? Wo sind Schmerzen? Allergien? Gerinnungsstörungen? Lymphabflusstörungen? usw.)
  • Jede Tapeanlage wird individuell an den Körper angepasst.
  • Mit dem Patienten / Sportler muss Rücksprache gehalten werden, um eine optimale Anbringung (nicht zu fest / locker, drückend, usw.) zu gewährleisten.

(Eder & Mommsen, 2013, 12ff)

Die wesentliche Funktion des Tapes ist die protektive Wirkung. Der funktionelle Verband schützt z.B. vorgeschädigte oder insuffiziente Kapselband-Strukturen. Zudem stützt und entlastet das Tapeverband die geschädigte Struktur. Dadurch wirkt es schmerzlindernd, und ermöglicht in der Folge die weitere Therapie bzw. Rehabilitation. Der Tapeverband gibt durch die feste äußere Hülle des Verbandes eine reaktive Stabilität und sorgt für einen passiven Schutz. Je nachdem wie der Verband angelegt wird (z.B. Zugrichtung, Verbandtechnik) und aus welchem Material der Verband ist (elastisch, unelastisch, klebend etc.) wird der mechanische Effekt erzeugt. Der funktionelle Verband wirkt selektiv und verhindert schmerzhafte endgradige Bewegungen d.h., der Verband stellt eine gezielte Ruhigstellung und Entlastung der pathologischen Struktur dar. Die schmerzfreien Bewegungsrichtungen der Gelenke sind weiterhin möglich (ebd., 12ff).

Der Verband fördert, je nach Anlagetechnik, die Durchblutung der verletzten Strukturen und begünstigt eine verbesserte Nährstoffsituation des Gewebes. Mit Hilfe des Kinesio-Tapes ist die optimale Voraussetzung für die körpereigene Heilung gegeben, um Komplikationen wie Thrombose, Wundheilungsstörungen, Verkürzungen von Gewebe und Muskelabbau nach längerer Immobilisation zu vermeiden (ebd., S. 12ff). Der Tapeverband kann die Psyche des Sportlers /Patienten beeinflussen. Dieser gibt eine zusätzliche Motivation und fördert die Selbstsicherheit durch eine frühere Wiederaufnahme der Trainingsbelastung. Aufgrund des sogenannten „Placebo-Effekts“ (Soutschek, 2017) wird die Gelenkstabilität „mental“ gestärkt. Nach Abnahme des Verbandes wird häufig von einer besseren Motorik und einem höheren Muskeltonus berichtet (Eder & Mommsen, 2013, 12ff).

verfasst von Eva K.

4. Die Bedeutung der Farbenlehre

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Sinneswahrnehmungen und das Wohlbefinden durch Farben manipuliert werden können. Hierzu werden in der Farbtherapie verschiedene Tests gemacht, um die gezielte Bestrahlung mit dem passenden Alltagslicht durchführen zu können (Fischer, 2011, 14ff). Die Erkenntnisse aus der Farbtherapie haben Einfluss auf die Arten der Kinesio-Tapes. Mit der kinesiologischen Wirksamkeit und den verschiedenen Anlagetechniken wurde ein bestmögliches Konzept zur ganzheitlichen Therapie entwickelt (Fischer, 2011, 14ff). Eine allgemeine Empfehlung ist, den Patienten die Farbauswahl des Tapes selbst zu überlassen, um einen Wohlfühleffekt zu erzeugen. In der Praxis finden die Farben rot und blau am häufigsten Anwendung (Seifert, 2015).


Farbe Wirkung
Rot Rote Tapes regen den Kreislauf an, wirken wärmend, stabiliseriend;
Emotional gesehen haben sie einen weckenden Charakter, steigern das Selbstwertgefühl;
Blau Blaue Tapes wirken wärmeentziehend und sind entzündungshemmend;
Emotional gesehen wirken sie harmonisierend und entspannend;
Grün Grüne Tapes wirken ausgleichend und harmonisierend;
Emotional gesehen bringen sie Geist und Seele ins Gleichgewicht. Sie wirken erfrischend, fördern die innere Ruhe;
Gelb Gelbe Tapes wirken stoffwechselanregend, nervenstärkend;
Emotional gesehen wirken sie aufmunternd;
Schwarz Schwarze Tapes werden häufig über andere farbige Tapes geklebt, um deren Wirkung zu verstärken;
Emotional gesehen steht Schwarz für Kraft und Willensstärke;
Beige Beige Tapes haben eine neutrale Wirkung.
Sie wirken schonend bei Nervenverletzungen und werden gern im Gesicht und Hals angewendet, da sie unauffällig sind.

(Loehr, 2017)

verfasst von Eva K.

5. Tape-Arten und Anlagetechniken

Beim Kinesio-Taping wird zwischen verschiedenen Techniken unterschieden. Die fünf bekanntesten sind die Muskel-, Lymph-, Ligament-, Faszien- und Korrekturtechniken. Zudem gibt es noch ergänzende Anlageverfahren wie die Spacetechnik. Um eine gute Grundlage für einen Tapeverband zu schaffen, müssen die Tapestreifen individuell angepasst und die Ecken abgerundet werden. Die Haut wird entfettet und die Haare entfernt. Anschließend wird entschieden, welche Tapestreifen für die Verletzung benötigt werden. Die Schnittformen sind: der I-Tapestreifen, der Y-Tapestreifen, der X-Tapestreifen, das Fächertape, Spiraltape und das Crosstape. Das I-Tape und das Y-Tape werden hauptsächlich für die Muskeltechnik und für die Ligamenttechnik verwendet (Fischer, 2011, 9ff).


Anlagetechniken Effekte / Einsatz Art der Tapestreifen
Muskeltechnik ist schmerzlindernd, reguliert Muskeltonus, verbessert die Muskelfunktion, Belastbarkeit des Muskels und die Gelenkbeweglichkeit, optimiert die Statik I-Tape, Y-Tape
Lymphtechnik Ist für den Lymphabfluss zuständig; Immer abklären, ob eine intakte Lymphknotenkette vorliegt, sonst nicht anwenden! Fächertape, Spiraltape
Ligamenttechnik Erzielt eine Umlenkung der Kraftübertragung der Muskeln auf die Sehne I-Tape, Y-Tape
Faszientechnik Bei Verklebungen oder festen Muskeln, sowie bei Fehlstellungen, Sehnenreizungen, zur Verbesserung der Gewebebeweglichkeit I-Tape, Y-Tape
Korrekturtechnik Gegen Fehlstellungen, Fehlhaltungen, Gelenkblockaden, bewirkt funktionelle Korrektur, → dynamisch aktivierende Tapeanlage; findet auch Anwendung bei Narbengewebe I-Tape, Y-Tape, Crosstape
Spacetechnik Sorgt für punktuelles Anheben der Haut und löst somit die verklebten Gewebeschichten; Ist eine sternförmige Anlage; gibt verletzten Strukturen mehr Raum und führt zur Schmerzlinderung Ausschließlich I-Tape, 15-20cm lang

(Mommsen & Eder, 2008; Kumbrink, 2009, S. 14ff)

verfasst von Eva K.

6. Wirkungsweisen des Tapes

6.1 Wirkungen des Tapes auf der Haut

Die Haut ist unser größtes Organ, das eine Vielzahl an Signalen weiterleitet. Anhand der Haut lassen sich auch Gemütslagen feststellen, z.B. wenn man erblasst oder errötet (Groths & Gerick, 2008, S. 28). Das Tape arbeitet mit Reizen und Signalen, die direkt nach der Aufbringung auf die Hautsensoren einwirken und auf die darunter liegenden Schichten geleitet werden, besonders auf die Strukturen des Bewegungsapparates (Montag & Asmussen, 1988, S. 17). Aufgrund der elastischen Wirkweise des Tapes wird die Haut stärker gezogen. Jede Bewegung führt dazu, dass sich die Haut mit all ihren Schichten anhebt. Dadurch werden die Venen und Lymphgefäße geöffnet und eine höhere Durchblutung angeregt (Sielamann, 2008, S. 20). Das Blut und die Lymphe können so besser in die Ver- und Entsorgungsleitungen fließen und den betroffenen Bereich mit Nährstoffen versorgen. Nach Sielamann (2008) wird von einer bis zu 30-prozentigen Steigerung der Durchblutung, berichtet. Bei einer Verkürzung der behandelten Region hebt sich das Tape wellenförmig an und bewirkt bei jeder Bewegung eine Hautverschiebung, die zu den gleichen Effekten wie eine Massage führt. Bei einer Druckausübung an der getapten Stelle werden die Gefäße „ausgepresst“. (Groths & Gerick, 2008, S. 30, 46ff). Zudem wird das Gewebe in seiner Funktion unterstützt, sodass die Beweglichkeit und die Funktionalität wiederhergestellt, erhalten bleiben oder sogar verbessert werden (Fischer, 2011).

Die gesteigerte Durchblutung und die Lymphabfuhr sind nicht Grund allein für die Befreiung von Schmerzen. Das Tape löst eine Vielzahl von Reizen aus, die über die dicken A-Delta-Fasern der Haut geleitet werden. Es kommt durch diese Daten zu einer Irritation. Denn über die weniger leistungsstarken C-Beta-Nervenfasern werden die Schmerzsignale transportiert, dieser werden schlussendlich von den A-Delta-Fasern überlagert. Anders gesagt entsteht auf dem Transportweg ein Stau, weil andere Signale auf die Bahn kommen und die Schmerzsignale nicht mehr an ihr Ziel gelangen. So erklärt sich das Verschwinden des Schmerzes nach dem Anbringen des Tapes (Groths & Gerick, 2008, S. 22).

verfasst von Aniela S.


6.2 Wirkung des Tapes auf den Muskel

Unsere Muskeln sind eine wichtige Komponente für den Körper. Sie sorgen für die Bewegung, halten den Körper aufrecht und entlasten die Knochen und Gelenke. Die Erfolgsquote des Kinesio-Tapes bei muskulären Problemen liegt bei über 90%. Durch die Zugwirkung, die von der Haut weitergeleitet wird, wird der Muskel stimuliert. Zum einen wird die Durchblutung gefördert und zum anderen wird ein deutlicher Reiz durch eine A-Faser zum Gehirn geleitet (Sielamann, 2008, S. 22).

Das Taping ermöglicht es, einen geschädigten Muskel zu entlasten. Zur Wiederherstellung der muskulären Balance kann die Spannung der Muskulatur nach oben oder nach unten gesteuert werden. „Wird das Tape mit seiner Ziehkraft in Wirkrichtung der Muskulatur angelegt, wird eine anspannende Wirkung auf die unterliegenden Muskelfasern ausgeübt. “ (Groths & Gerick, 2008, S. 32). Bei der entgegengesetzten Anbringung wird eine entspannende Wirkung auf die unteren Muskelfasern praktiziert. Das Tape hat eine an- und entspannende Auswirkung auf den Muskel, was zu einem ständigen Stretching (Massagereiz) des Muskels führt. Für den Muskel ist dieses Vorgehen sehr wohltuend und regt zur Regeneration an (ebd., S. 32).

verfasst von Aniela S.


7. Anwendungsfelder und Auswirkungen

Der Vorteil eines Tapes liegt darin, dass der Grad der Immobilisierung genau gesteuert werden kann. Es ist extrem wichtig, die Beweglichkeit aller Gelenke zu erhalten, ansonsten werden Schonhaltungen eingenommen, die zu Spätfolgen führen können. Ebenso kann durch den Erhalt der Beweglichkeit die Muskelrückbildung verhindert werden (Schur, 2010, S. 30). Des Weiteren können Kinesio-Tapes fast am ganzen Körper Anwendung finden, „vom Schultergürtel bis zum großen Zeh“ (Schur, 2010, S. 19). In der nächsten Tabelle sind alle Anwendungsbereiche für das Kinesio-Tape aufgelistet.

Körperregionen Verletzungen
Gesamter Körper - Fibromyalgie
- Gelenkschmerzen
- Gelenkverstauchung
- Lymphödem
- Morbus Sudeck
- Muskelfaserriss
- Muskelverkrampfung
- Muskelverspannung
- Nervenentzündung
- Nervenschmerzen
- Rheumatischer Formkreis
- Versorgung vor operativen Eingriffen
Die Finger-Arm-Region - Daumenarthrose
- Fingergelenksarthrose
- Golferellenbogen
- Handschmerzen
- Tennisarm
Der Kopf - Beschleunigungsverletzung
- Cluster-Kopfschmerzen
- Gesichtsschmerzen
- Kiefergelenkerkrankung
- KISS-Syndrom
- Migräne
- Ohrensausen (Tinnitus)
- Schmerzen nach Zahn-/Kieferbehandlung
- Schnarchen
- Schwindel
- Spannungskopfschmerzen
- Zahnschmerzen
Die Schulter-Nacken-Region - Frozen Shoulder
- Impingement-Syndrom
- Muskelschmerzen im Schultergelenk
- Nacken-Schulter-Arm-Syndrom
- Osteoporoseschmerzen
- Schulterschmerzen
Brust und Rücken - Bandscheibenvorfall
- Rückenschmerzen
- Schmerzen der Brustwirbelsäule
Unterer Rücken - Hexenschuss
- Ischiasschmerzen
- Kreuzschmerzen
- Lendenschmerzen
Die Hüftgelenk-Region - Beckenschmerzen
- Blasenschwäche
- Gesäßschmerzen
- Hüftgelenkschmerzen
- Regelschmerzen
- Steißbeinschmerzen
Beine und Füße - Ballenfuß
- Fersensporn
- Kniegelenkschmerzen
- Kniescheibenspitzensyndrom
- Knorpelerweichung der Kniescheibe
- Schmerzende Achillessehne
- Sprunggelenkverletzung
- Unruhige Beine
- Vordere Kreuzbandplastik

(Groths & Gerick, 2008, S. 89-93)

Im nächsten Schritt werden einzelne Verletzungsdiagnosen näher betrachtet, auf die geschädigte Struktur, die Anlagetechniken und Ziele der Therapiemaßnahmen eingegangen.

Muskelfaserriss:

Bei einem Muskelfaserriss handelt es sich um eine Trennung von Muskelstrukturen. Ein Einriss tritt häufig an der Stelle ein, wo die Sehne in den Muskel übergeht. Der Grund für die Verletzung ist ein zu starkes Zusammenziehen, worauf eine direkte Streckung des Muskels erfolgt. Ebenso kann die Verletzung bei einer Überbelastung eintreten, wenn der Muskel bereits ermüdet ist oder einer plötzlichen maximalen Belastung ausgesetzt wird (Groths & Gerick, 2008, S. 100f).

Abb. 1 Muskelfaserriss Y-Tape

Verwendete Tapes und Technik: I- und Y-Tape; Faszientechnik, Spacetape

Abb. 2. Muskelfaserriss mit Spacetape

Anlage am Beispiel des Oberschenkels:

  • Tape hat die Länge der verletzten Stelle plus 2 cm.
  • Basis liegt vor dem Muskelfaserriss kranial bzw. kaudal.
  • Tape wird so angebracht, dass der Riss in der Mitte der Klebefläche liegt.
  • Das Spacetape ist 15 cm lang und wird quer über den Muskelfaserriss geklebt, der nächste Steifen um 90° versetzt.
  • Die letzten beiden Tapestreifen werden um 45° versetzt über den Riss geklebt.
  • Das Tape wird mit maximalem Zug aufgeklebt (Kumbring, 2009, S. 149).

Ziel:

Das Tapen soll die gerissenen Fasern entlasten und dem Menschen helfen, sich wieder ganz normal zu bewegen. Des Weiteren sollen die körpereigenen Systeme aktiviert werden, hierzu zählt der Blutkreislauf und der Lymphkreislauf. (Groths & Gerick, 2008, S. 101f). Weiterführendes Video



Tennisarm:

Bei einem Tennisarm treten Schmerzen im äußeren Ellenbogen auf, die bis in den Unter- und Oberarm ausstrahlen können. Grund hierfür ist meistens eine Überbeanspruchung, die z.B. oft durch das Tennisspielen oder bei dauerhaft monotonen Bewegungen vorkommt.

Verwendete Tapes und Technik: I- und Y-Tape; Faszientechnik

Abb. 3 Tennisarm

Anlage:

  • Das I-Tape wird auf die Streckmuskulatur des Unterarms, also vom Handgelenk bis zur Ellenbeuge, geklebt.
  • Basis des Y-Tapes auf die äußere Gelenkrolle anbringen und die beiden offenen Enden zurück an den Unterarm kleben.

Ziel:

Beim Tennisarm soll die Muskulatur gelöst werden. Mit dem Tape wird eine Verschiebung der Muskelhülle erreicht und somit ein größerer Reiz gesetzt. Zusätzlich wird die Durchblutung gefördert (Groths & Gerick, 2008, S. 118f). Weiterführendes Video



Impingement-Syndrom:

Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet „Einklemmung“, diese tritt am häufigsten im Schulterbereich auf. Bei einer eingeklemmten Schulter haben Sehnen und Muskeln um das Schultergelenk herum wenig Platz, sodass Sehnen aneinander oder an einem Knochen reiben (Groths & Gerick, 2008, S. 148f).

Abb. 4 Impingement-Syndrom

Verwendete Tapes und Technik: I- und Y- Tape; Muskeltechnik, Korrekturtechnik und Faszientechnik

Anlage am Beispiel der Schulter:

  • Muskelanlage auf dem M. deltoideus und M. supraspinatus
  • Faszienkorrektur richtet den Oberarmkopf nach dorsal. Y-Zügel wird zu 1/3 auf das Akromion und zu 2/3 kaudal des Akromions geklebt.
  • Ein weiteres Tape wird über das Akromioklavikulargelenk (unter dem Schultergelenk)angebracht (Kumbring, 2009, S. 135).

Ziel:

Es kann zur Verbesserung der Muskelkoordination und Durchblutung führen, ebenso werden die Muskeln entlastet und die Beweglichkeit wiederhergestellt (Groths & Gerick, 2008, S. 148). Weiterführendes Video



Rückenschmerzen:

Die Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Erkrankungen, sodass sie sogar schon als eine Volkskrankheit bezeichnet werden. Gründe für die Entstehung können ein Defekt in der Wirbelsäule, einseitige Belastung, Bewegungsmangel und Fehlstellungen sein.

Abb. 5. Rückenschmerzen

Verwendete Tapes und Technik: I- und Y- Tape; Muskeltechnik, Ligamenttechnik.

Anlage:

  • Es ist möglich, an allen Bereichen der Wirbelsäule das Kinesio-Tape sternförmig anzubringen
  • Es sollte immer dort geklebt werden, wo der Schmerz ist.

Ziel:

Mit dem Tape wird versucht, die Muskulatur entlang der Wirbelsäule zu entlasten, sodass sich die Wirbelkörper nicht mehr so stark zueinander ziehen. Außerdem wird die Beweglichkeit wiederhergestellt (Groths & Gerick, 2008, S. 158). Weiterführendes Video



Kniegelenkschmerzen:

Die Ursachen für die Schmerzen können Abnutzung, Überlastung oder vorausgehende Schädigungen durch einen Unfall oder frühere Verletzung sein.

Abb. 6 Kniegelenkschmerzen

Verwendete Tapes und Technik: I- und Y-Tape; Faszientechnik, Korrekturtechnik Anlage:

  • Das I-Tape wird im oberen Drittel des Oberschenkels angelegt und bis zur Kniescheibe geklebt. Das selbe I-Tape wird am Ende eingeschnitten und um die Kniescheibe herumgelegt.
  • Das Y-Tape hat die Basis unter der Kniescheibe und wird von unten um die Kniescheibe gelegt und mit dem I-Tape überlappend geklebt.
  • Zusätzlich wird noch ein I-Tape unter der Kniescheibe zur Bewegungseingrenzung geklebt.

Ziel:

Das Tape hebt die Kniescheibe an, somit wird der darunter liegende Knorpel entlastet und das Knie stabilisiert (Groths & Gerick, 2008, S. 184). Weiterführendes Video



Sprunggelenksverletzung

Das Sprunggelenk ist die Verbindung zwischen Unterschenkel und Fuß und somit sehr wichtig für das Laufen. Am häufigsten kommt es zu Verletzungen durch das Umknicken. Hierbei können Bänder überdehnt werden oder sogar reißen.

Abb. 7 Sprunggelenkverletzung

Verwendete Tapes und Technik: I-Tape; Ligamenttechnik

Anlage:

  • Erstes Tape am äußeren Knöchel ansetzen und zum Schienbein ziehen.
  • Zwei I-Tapes werden um das obere Sprunggelenk geklebt.

Ziel:

Das Sprunggelenk wird durch das Anbringen der Tapes stabilisiert. Die Durchblutung wird gefördert und das lymphatische System angeregt, um die Schwellung zu lindern (Groths & Gerick, 2008, S. 188f). Weiterführendes Video

verfasst von Aniela S.


8. Kontraindikation

Es sind nur wenige Kontraindikationen für das Kinesio-Taping bekannt. In den meisten Fällen ist das Tape gut verträglich. Bekannt sind allergische Reaktionen auf die Inhaltsstoffe wie Jucken, Brennen oder Blasenbildung. Außerdem dürfen Tapes nicht bei offenen Wunden, noch nicht verheilten Narben und pergamentartiger Haut z.B. Neurodermitis angewendet werden (Kumbring, 2009, S. 10). Darüber hinaus sollte bei problematisch verlaufenden Schwangerschaften und bei Gefäßerkrankungen wie Thrombose das Tape nicht lokal im Beschwerdegebiet angelegt werden (Seifert, 2015).

Im Folgenden wird genauer auf die Krankheiten und die Kontraindikationen eingegangen, bei denen kein Kinesiologie-Tape angewendet werden darf:

Muskulatur Komplette Muskelruptur, Muskelteilruptur, massive Muskelquetschung, ausgedehnte Muskelentzündung, große Muskelhämatome, Muskelverletzungen mit arterieller Blutung, ausgedehnte Faszienrisse, entzündlicher Rheumatismus, Kompartment-Syndrom
Bänder, Kapseln, Sehnen Komplette Kapsel-Bandrupturen, isolierte Bandrupturen, knöcherne Bandausrisse, Sehnenrupturen, Sehnenausrisse, nicht reponierte Luxationen, Subluxationen, Gicht
Knochen Frakturen, ausgedehnte Knochenhautfissuren, Ermüdungsfrakturen, Knochennekrosen, knöcherne Bandausrisse
Knorpel Massive Knorpeldefekte, Knorpelfraktur, Arthritis, fortgeschrittene Arthrose
Allgemeines Ausgedehnte Hämatome am Muskel und an den Gelenken, alle nicht diagnostisch abgeklärten Erkrankungen und Verletzungen

(Montag & Asmussen, 1988, S. 35)

Des Weiteren kann das Taping auch Risiken mit sich bringen, wenn es nicht korrekt angebracht wird. Die richtige Anlegung des Tapeverbands von einem Fachmann ist wichtig, da sich nur so die Wirkung entfalten kann. Bei einer nicht korrekten Anbringung kann es zu Schwellungen und Bewegungseinschränkungen kommen. Außerdem kann es, wenn es zu straff geklebt wird, zu einem verlangsamten Blutfluss kommen. Demzufolge entstehen Durchblutungsstörungen, die sich durch ein Kribbeln oder Weiß- bzw. Blaufärbung der Haut bemerkbar machen (Dahm, 2017).

verfasst von Aniela S.


9. Aktueller Wissensstand zum Kinesio-Tape

Bis heute herrscht weitestgehend Uneinigkeit über einen tatsächlichen Effekt des Kinesio-Tapes zwischen den Wissenschaftlern. In diesem Abschnitt wird versucht, einen Einblick in vergangene und aktuelle Forschungen bezüglich der Handhabung und Wirkungsweisen des Kinesio-Tapes zu gewähren. Da über die Jahre hinweg unzählige Studien zum besagten Thema in den Datenbanken des Internets veröffentlicht wurden, werden im Folgenden zunächst zwei Reviews angeführt, bevor danach einzelne Studien mit interessante Forschungsergebnissen vorgestellt werden.

Review von Parreira et. al (2014):

Der erste Review mit dem Titel „Current evidence does not support the use of Kinesio Taping in clinical practice: a systematic review“ von Parreira et al. wurde 2014 veröffentlicht und gibt bereits in der Überschrift einiges preis, doch dazu später mehr. Der Review bestand aus zwölf verschiedenen Studien mit insgesamt 495 Teilnehmern. Die Teilnehmer klagten über Schulterschmerzen (zwei Studien), Knieschmerzen (drei Studien), chronische Schmerzen im unteren Rücken (zwei Studien), Nackenschmerzen (drei Untersuchungen), Plantarfasziitis (eine Studie) und über Erkrankungen des Bewegungsapparates (eine Studie). In jeder der zwölf Studien gab es eine Gruppe, die mit den verschiedenen Kinesio-Tapes behandelt wurde und eine Kontrollgruppe, die mit einer Alternative, also auf anderem Wege und ohne Kinesio-Tape behandelt wurde.

Die Autoren haben durch die unterschiedlichen Studien demnach vier große Vergleiche aufstellen können. Einmal wurde der Effekt von Kinesio-Tape gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Taping untersucht. Hierbei konnten keinerlei signifikante Unterschiede festgestellt werden. Als nächstes wurden der Effekt des Kinesio-Tapes und des Schein-Taping miteinander verglichen. Hier konnte auf vier der zwölf Studien verwiesen werden, in denen 164 Personen untersucht wurden. Jedoch zeigte sich schnell, dass sich die beiden Ergebnisse nicht signifikant voneinander unterschieden. Als drittes wurde der Effekt des Kinesio-Tape mit „anderen Behandlungsmöglichkeiten“ (sportliche Übungen, Schubmanipulationen, multimodale Physiotherapie) verglichen. Auch hier konnten vier Studien mit insgesamt 200 Versuchspersonen herangezogen werden. Trotzdem boten die Ergebnisse keine Überraschungen. Kein Effekt stach wirklich hervor, sodass bei keiner der untersuchten Gruppen eine Heilung bedeutend schneller voranging.

Die festgestellten Effekte waren meist zu gering, um von signifikanten Ergebnissen reden zu können oder waren wissenschaftlich betrachtet nicht belastbar. Das damit verbundene Ausbleiben der erhofften Effekte des Kinesio-Tapes deckte sich mit früheren Studienuntersuchungen. Die Autoren dieses Berichtes kamen so in ihrem Fazit zu folgender Vermutung: „It seems that the growing use of Kinesio Taping is due to massive marketing campaigns rather than high-quality, scientific evidence with clinically relevant outcomes“ (Parreira et al., 2014, S.37). Es wird deutlich, dass das Kinesiologische Tape kritisch gesehen wird und sich die forschenden Wissenschaftler bis heute nicht einig sind, ob es tatsächlich eine nachweisbare und signifikante Wirkung gibt. Viel mehr gehen die Forscher davon aus, dass der „Boom des Tapes“ auf große Werbekampagnen in der Medienlandschaft für anstehende oder zurückliegende Großereignisse zurückzuführen ist. Nichtsdestotrotz sind in den zurückliegenden Jahren weitere Reviews veröffentlicht worden, die sich mit der Wirkung des Kinesio-Tapes auseinander gesetzt haben.

Review von Reneker et. al (2017):

Unter anderem wurde im Oktober 2017 ein weiterer Review von Reneker et al. publiziert. Der Bericht trägt den Titel „Effectiveness of kinesiology tape on sports performance abilities in athletes: A systematic review“ und wurde im Journal „Physical Therapy in Sport“ gedruckt. Die fünfzehn dort vorgestellten Studien, die den wissenschaftlichen Kriterien entsprachen, untersuchten die Effektivität des Kinesio-Tapes gegenüber Scheinverbänden (sechs Artikel), gegenüber des Mulligan-Tapes (ein Artikel), gegenüber eines hemmenden kinesiologischen Tapes (ein Artikel) und gegenüber einer „no tape condition“ (dreizehn Artikel). Die Zeit der Anbringung des Tapes und die des späteren Messzeitpunktes variierten innerhalb aller Studien stark, einige testeten sofort nach Anwendung, einige wiederum erst einen Tag später. Es kann jedoch festgehalten werden, dass in allen Studien eine Untersuchung an den Athleten innerhalb der ersten Stunde nach der Anbringung des Tapes stattfand. Aufgrund der umfangreichen Darstellung der Studienergebnisse innerhalb des Reviews werden im Folgenden die positiven Ergebnisse, die für eine Verwendung des Kinesio-Tapes sprachen, genauer thematisiert:

1. Muskelkraft:

In der dort vorgestellten Studie von de Hoyo et. al 2013 wurde die Muskelkraft bei der Ausführung einer Kniebeuge näher betrachtet.

Versuchsaufbau:

Die 18 untersuchten Profifußballer wurden zu Beginn zufällig der Interventions- bzw. Kontrollgruppe zugeordnet und hatten dabei die Aufgabe, eine Kniebeuge mit 30KG und 50KG Zusatzgewicht auszuführen. Der Versuch wurde über die Dauer von 14 Tagen drei Mal pro Woche durchgeführt (Mo.- Mi.- Fr.). Verglichen wurden dabei sowohl die Performanzresultate mit Kinesio-Tapes auf dem Oberschenkel als auch ohne Hinzunahme eines entsprechenden Tapes.

Ergebnisse:

Nach der Auswertung des Versuches konnte ein nicht signifikanter Effekt zugunsten des Kinesiologischen Tapes festgestellt werden, da sich mehrheitlich die Performanz um wenige Prozent verbessert haben soll.


2. Ballfertigkeiten:

In einer anderen Studie wurden die Ballfertigkeiten von 58 Athleten mittelklassiger Fußball- und Handballvereine (Studie von Muller & Brandes, 2015) näher untersucht.

Versuchsaufbau:

Bei den Fußballern wurden die Kinesio-Tapes auf dem Oberschenkel und bei den Handballern auf dem Arm mit einer zusätzlichen Spannung von 20-30% auf der Haut angebracht. Auch hier gab es eine Interventions- und eine Kontrollgruppe, die letztlich miteinander verglichen wurden. Im Mittelpunkt standen dabei die Ballgeschwindigkeit und die Schuss- bzw. Wurfgenauigkeit.

Ergebnisse:

Die jeweilige Ballgeschwindigkeit blieb weitestgehend unbeeinflusst, egal ob die Person bei ihrem Versuch ein Kinesio-Tape trug oder nicht. Anders verhielt es sich bei der Genauigkeit. Dort kam heraus, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen den Protagonisten beider Sportarten gab. Im Fußball konnten durch die Anwendung des Kinesiologischen Tapes bessere Genauigkeitwerte erzielt werden. Die Handballer hingegen erzielten bessere Werte, wenn sich kein Tape am Arm befand.


3. Radfahren

Das Radfahren wurde in einer weiteren Studie untersucht. In der Studie von Harmanci et al. von 2016 fanden zwei Vergleiche mit dem Hauptaugenmerk der anaeroben Kraft (absolut und relativ) und zwei Vergleiche mit dem Hauptaugenmerk der anaeroben Kapazität (absolut und relativ) statt.

Versuchsaufbau:

Dabei wurde das „Wingate-Verfahren“ eingesetzt, um die bestmöglichen Werte bezüglich der anaeroben Leistungsfähigkeit zu ermitteln und um entsprechende Leistungsverläufe abschätzen zu können. Bei diesem Verfahren befindet sich der Athlet auf einem Fahrradergometer (alternativ ist die Durchführung an einem Handergometer möglich). Dabei muss dieser 30 Sekunden lang mit maximaler Geschwindigkeit gegen eine konstante Kraft antreten und sein Leistungsmaximum erreichen (Bar-Or, 1987). Es wurden 31 gesunde Männer getestet, wovon die Hälfte der Versuchspersonen am Quadrizeps ein Kinesio-Tape angebracht bekam.

Ergebnisse:

Dabei kam heraus, dass nur in der Untersuchung zur relativen anaeroben Kapazität deutliche Unterschiede zugunsten des Kinesio-Tapes im Vergleich zur Anbringung keines Tapes auftraten. In den anderen drei durchgeführten Vergleichen konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden.


Die weiteren Untersuchungen im Review befassten sich mit dem Balancieren, der Beweglichkeit, der Sprintgeschwindigkeit, dem Ausdauerlaufen und der Sprungkraft. Innerhalb dieser Bereiche konnten keine nennenswerten Auswirkungen für die Verwendung des Kinesio-Tapes festgestellt werden, sodass auf diese hier nicht näher eingegangen werden kann. Insgesamt wurden innerhalb der betrachteten Studien 193 Vergleiche aufgestellt. Daraus konnten elf signifikante Besonderheiten erschlossen werden, wovon lediglich zwei klar zugunsten des Kinesio-Tapes ausfielen (Schwerpunkt 2 - „Torschuss Fußball und Torwurf Handball“ und Schwerpunkt 3 - „relative anaerobe Kapazität“ im Radfahren). Auch dieser Review verdeutlicht, trotz der wenigen Lichtblicke, dass ein eindeutiger wissenschaftlicher Nachweis über die Verbesserung der sportlichen Leistung durch die Hinzunahme eines Kinesio-Tapes nicht erbracht werden konnte (Reneker et. al, 2017, S.96).


Weitere Positive Befunde

Allerdings gibt es in der Wissenschaft auch weitere Befunde, die dem Kinesio-Tape positive Auswirkungen bescheinigen. Dafür wird im Folgenden genauer auf die spezielle Verletzung des im oberen Abschnitt erwähnten „Tennisarms“ Bezug genommen. Die vorliegende Studie aus dem Jahr 2015 dazu lautet: „Acute effects of Kinsesio taping on muscle strength and fatique in the forearm of tennis players“ und wurde im „Journal of Science and Medicine in Sport“ publiziert.

Versuchsaufbau:

Dabei wurden 14 Männer untersucht, die verschiedene Bewegungen mit ihrem Arm und ihrem Handgelenkt ausführen mussten. Eingesetzt wurden dabei das Kinesio-Tape, das Placebo-Taping oder gar kein Taping. Entsprechnd der jeweiligen Art des Tapings wurden diese am Unterarm der Versuchspersonen angebracht. Durchgeführt wurde die Untersuchung an drei verschiedenen Tagen, wobei zwischen den Einheiten immer mindestens 48h Pause lagen. Zu einem Durchgang gehörten zwei verschiedene Kraftaufgaben, die maximal haltbare Spannnung der Muskeln (maximal voluntary Contractions) und das Beugen und Strecken des Handgelenks. Fünfzig Wiederholungen mussten dabei ausgeführt werden, um den Muskel auch auf Ermüdung zu untersuchen. Die Bewegungen wurden unter Berücksichtigung von zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten (60°/Sekunde und 210°/Sekunde) ausgeführt.

Ergebnisse:

Es zeigte sich, dass das Kinesio-Tape im Vergleich zu keinem Taping um 13 Prozent die Ermüdung der Handgelenkbeuger verminderte (bei 60°/Sekunde). Die Ermüdungsrate der Unterarmmuskulatur konnte mit dem Anstieg der Bewegungsgeschwindigkeit um etwa 20% gesenkt werden. Darüber hinaus ließ sich ein Trend erkennen, dass das Kinesio-Tape bezüglich der ansteigenden Geschwindigkeit (210°/Sekunde) einen größeren Einfluss hatte als das Placebo-Taping oder gar ein Taping. Die Wissenschaftler schlussfolgerten daraus, dass das Kinesio-Tape die Ermüdung der Muskeln während andauernden konzentrischen Bewegungen verringert und den Muskel entlastet (Zhang et. al, 2015, S.459).


In einer ähnlich aufgebauten Studie von Aqeel et al. konnte ein weiterer interessanter Punkt angedeutet werden.

Versuchsaufbau:

Im Mittelpunkt standen dabei neun gesunde Erwachsene, die sich jeweils vier Tests unterzogen. In jedem dieser Tests wurde der rechte Unterarm der Versuchsperson Druckschmerzwellen (pressure pain thresholds) und Hitzeschmerzwellen (heat pressure thresholds) ausgesetzt. Dabei testete man zunächst ohne die Hinzunahme eines Kinesio-Tapes (Pretest). Nach fünf Minuten wurde der Versuchsperson ein Kinesio-Tape mit verschiedenen Stärken angelegt: entweder 0% (Placebo), 25% (low tension), 75% (high tension) oder kein Tape. Nach der sich wiederholenden Pause von gleicher Länge wurde der Test erneut durchgeführt (Posttest). Die Tests wurden in der Folge mittels eines t-Tests miteinander verglichen.

Ergebnisse:

Dabei kam heraus, dass eine hohe Spannung des Kinesio-Tapes das Schmerzempfinden lindert und somit höheren Druckschmerzwellen standgehalten werden konnte. Bei den Hitzeschmerzwellen konnten ähnliche Ergebnisse verzeichnet werden. So wurden beim Kinesio-Tape mit niedriger und hoher Spannung jeweils Steigerungen festgestellt. Das zeigt, dass je nach Spannung des angebrachten Kinesio-Tapes das Schmerzempfinden gelindert und damit positiv beeinflusst werden konnte (Aqeel et. al, 2017, S. S86).

verfasst von Kai K.

10. Diskussion

Als das Kinesio-Tape 1973 zum ersten Mal Begeisterung bei den Menschen auslöste, war dies nicht unbegründet. Durch eine einfache Handhabung und einer sofort spürbaren Auswirkung konnte sich das Kinesio-Tape auf dem heutigen Markt etablieren. Die immer gleichbleibende Wirkungsweise führt sowohl bei chronischen als auch bei akuten Erkrankungen zu einer hohen Genesungsrate, da die gesunden Strukturen des Körpers die Heilung der erkrankten Strukturen unterstützen. Aufgrund dessen hat sich in den zurückliegenden Jahren ein stetig wachsender Absatzmarkt entwickelt, der zur Folge hat, dass auch finanzielle Interesse eine Rolle spielen. So drängt sich zum Beispiel die Frage auf, ob die verschiedenen Farben für einen erfolgreichen Heilungsverlauf von Bedeutung sind oder ob es ausreicht, das Tape lediglich mit Hilfe einer speziellen Anlagetechnik zu nutzen? Auffallend ist, dass in den Studien, die in diesem Artikel dargestellt wurden, die Farblehre kaum eine Rolle gespielt hat. Es besteht der Eindruck, dass eine große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis vorliegt. Fakt ist, dass die aktuellen Reviews zum Kinesio-Tape keine wissenschaftlich belastbaren Auswirkungen feststellen konnten, sodass Kritik an dieser Stelle durchaus berechtigt zu sein scheint (193 Vergleiche, lediglich zwei für den Gebrauch von Kinesio-Tape). Es muss jedoch erwähnt werden, dass viele Studien die wissenschaftlichen Standards nicht erfüllten und somit schon vorab aussortiert wurden. So lag beispielsweise keine Standardisierung hinsichtlich der Messzeitpunkte vor. Auch gestaltete es sich schwierig „blind Studies“ durchzuführen, da die Probanden spürten, ob sich ein Tape auf der Haut befand oder nicht. Die angeführten Kritikpunkte könnten zur Folge haben, dass die Untersuchungsergebnisse verzerrt worden sind und eine wissenschaftlich fundierte Aussage zur Wirkweise des Kinesio-Tapes nicht vorgenommen werden sollte.

In einigen Studien wurde jedoch oft von einem nicht signifikanten positiven Effekt gesprochen, der durch die Verwendung des Kinesio-Tapes hervorgerufen wird. Durch die einfache Anbringung des Tapes auf der Haut wird die Durchblutung und somit der Heilungsprozess bei bestimmten Verletzungen angeregt. Somit kann eine positive Wirkungsweise nicht von der Hand gewiesen werden. Hinzukommt, dass allein durch die Behandlung einer Verletzung die menschliche Psyche in gewisser Art und Weise manipuliert werden kann. Beispielsweise berichten Menschen in regelmäßigen Abständen davon, dass es ihnen nach kurzer Zeit besser geht, wenn sie nach einer Erkrankung Medikamente zu sich genommen haben, die jedoch lediglich ein Placebo darstellten (Soutschek, 2017). Das zeigt, dass sich die abschließende Bewertung zum Thema „Das kinesiologische Tape - Heilmittel oder Placebo?“ sehr schwierig gestaltet, da die Effekte nicht zweifelsfrei einem bestimmten Faktor zugeordnet werden können.

verfasst von Eva K., Kai K., Aniela S.

Fazit

Das Kinesio-Tape zählt zu einer günstigen und schnellen Behandlungsmöglichkeit. Aufgrund der vorteilhaften Materialeigenschaften des Verbandes und den damit verbundenen positiven Nebenwirkungen (u.a. durchblutungsfördernd, stabilisierend) lässt es sich bei einer Vielzahl von Verletzungen oder Beschwerden bedenkenlos verwenden. Der Boom des Kinesio-Tapes in den letzten Jahren ist zu Teilen auch auf den modischen Aspekt der Farbvielfalt zurückzuführen. Gleichzeitig konnte in der Wissenschaft bisweilen kein eindeutiger Nachweis zur tatsächlichen Wirkweise des Verbandes geliefert werden. Jedoch scheint das Kinesio-Tape bei korrekter Anwendung bestimmte Muskelpartien am Körper zu entlasten (z. B. Rücken, Unterarm), sodass es langsamer zu einer Ermüdung derer kommt.

Auch sollte der psychische Aspekt der einfachen Behandlungsweise nicht außer Acht gelassen werden. Erinnern wir uns zurück an unsere Kindheit, so wissen wir, dass bereits ein bloßes Pusten wahre Wunder bewirken konnte!

verfasst von Eva K., Kai K., Aniela S.

Zusatz: Eigene Erfahrungen

Abb. 8 Fächertape, rechter Arm

Ich habe bereits schon Erfahrungen mit Kinesio-Tape machen können und war jedes Mal aufs neue positiv überrascht und begeistert, welche Wirkung es auf mich bzw. auf meine Verletzung hatte. Die jüngste Erfahrung machte ich an meinem Handgelenk. Das erste Tape wurde mir angelegt, damit das Handgelenk entlastet, unterstützt und nicht in die schmerzhafte endgradige Position kommen konnte. Ein weiters Tape wurde ca. 4 Wochen später geklebt. Das Fächertape sorgte dafür, dass die Lympe abtransportiert und die Hand entspannter wurde. Zudem bekam ich auf meine Narben ein Crosstape, damit die Erhebungen zurückgehenen konnten und das Narbengewebe weicher wurde.

Meiner Meinung nach bringt das Kinesio-Tape auf jeden Fall etwas, insbesondere wenn es zur Unterstützung der Therapie dient. Den größten Effekt habe ich bei dem Narbengewebe feststellen können.

verfasst von Eva K.


Fragen

1. Wer hat das Kinesio Tape erfunden und welchen Zweck verfolgte er mit dieser Art von Verband ?


2. Nachdem du diese Arbeit gelesen hast: Wie schätzt Du die Wirkung des Kinesio-Tapes ein - als Placebo-Effekt oder als wirkendes Therapieverfahren?

Abbildungs- Videoverzeichnis

Abb. 1 Muskelfaserriss Y-Tape
Abb. 2. Muskelfaserriss mit Spacetape
Abb. 3 Tennisarm
Abb. 4 Impingement-Syndrom
Abb. 5. Rückenschmerzen
Abb. 6 Kniegelenkschmerzen
Abb. 7 Sprunggelenkverletzung
Abb. 8 Fächertape, rechter Arm

Alle Abbildung in diesem Wikiprojekt wurden von uns selbst erstellt


Video: Gerhardinger (31.08.2009). ELYTH S Tape Kinesiologie - WDR Zugriff unter: https://www.youtube.com/watch?v=_NziFT0GahQ

Literaturverzeichnis

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Bar-Or, O. (1987). The Wingate anaerobic test an update on methodology, reliability and validity. Sports Medicine 4(1987), 6, 381–394

Dahm, V. (28.09.2017). Netdoktor: Kinesio-Tape. Zugriff am 06.06.2018 unter: https://www.netdoktor.de/therapien/kinesio-tape/

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biomechanik/aktuelle_themen/projekte_ss18/atsb1808.txt · Zuletzt geändert: 20.06.2018 11:49 von Eva Klein
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