AFM2 Hypothesen

Modul AFM2 Hypothesen
Kategorie FORSCHUNGSMETHODEN
Autor Andre Seyfarth
Voraussetzung AFM1 Forschungsfrage
Bearbeitungsdauer ca. 30 Minuten
Letzte Änderung 30. Oktober 2014
Status finalisiert
Lehrveranstaltung Lernziele
PS Forschungsmethoden 2 &
SE Quantitative Forschungsmethoden
- Sinn und Zweck einer Forschungshypothese kennen
- Vorgehen zum Aufstellen einer Forschungshypothese kennen und anwenden können
- Eigenschaften einer guten Forschungshypothese kennen
Es ist nicht Ziel dieses Moduls, die Sportbiomechanik zu vermitteln. Diese dient der beispielhaften Veranschaulichung.

Einleitung

In der Forschung werden zuverlässige Aussagen über Zusammenhänge gesucht, welche möglichst unabhängig von der Person und von einem Ort bzw. Zeitpunkt wiederholt geprüft werden können. Dabei stellt sich die Frage, welche Erwartungshaltung an eine bestimmte Beobachtung gestellt wird.

Die Forschungsfrage begründet sich aus einem Interesse (z.B. wissenschaftlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich, individuell). Die Forschungshypothese untersetzt nun diese Frage anhand einer Erwartungshaltung basierend auf dem bestehenden Vorwissen.

Oft geht der Formulierung von Hypothesen eine Reihe von Beobachtungen voraus, welche die Erwartungshaltung begründen können. Dieses Schließen von Zusammenhängen aus Beobachtungen (induktives Vorgehen, Hussy u.a. 2010) ist jedoch noch sehr vage, da die dahinter liegenden Zusammenhänge noch nicht aufgeklärt sind. Hierzu ist die Bildung einer Theorie geeignet, d.h. eines konzeptionellen Ansatzes zur Ableitung eines beobachteten Zusammenhanges. Damit können erwartete Zusammenhänge (Hypothesen) formuliert werden, welche dann mit einem geeigneten Forschungsansatz geprüft werden können (deduktives Vorgehen, Hussy u.a. 2010).

Beispiel Sprintprothesen

Als Beispiel soll der Prothesenläufer Oskar Pistorius betrachtet werden, der 2008 bei den olympischen Spielen in Penking starten wollte. Daher musste geprüft werden, ob er sich durch die Verwendung von Sprintprothesen einen unfairen Vorteil gegenüber nichtamputierten Sportlern verschaffen konnte. Diese Forschungsfrage kann nun durch konkrete Forschungshypothesen untersetzt werden. Dafür wird ein Konzept (eine Theorie) benötigt, wie sich die sportliche Leistung beim Laufen (bzw. Sprint) definieren lässt.

Als limitierender Faktor für die maximale Sprintgeschwindigkeit bei nichtamputierten Läufern wurde z.B. die maximale Beinkraft ermittelt (Weyand u.a., 2000). Zur Entwicklung dieser Beinkräfte ist aktive Muskelarbeit (Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus des Muskels) notwendig, welche sich in den metabolischen Kosten (z.B. Sauerstoffverbrauch) niederschlägt.

Da ein Prothesenläufer hohe Beinkräfte auch durch die elastische Arbeitsweise der Carbon-Feder erzielen kann und diese keine metabolischen Kosten verursacht, kann nun die Hypothese aufgestellt werden, dass die metabolischen Anforderungen für einen Sportler mit Beinprothesen bei gleicher sportlicher Leistung geringer sind als bei einem ähnlich trainierten Sportler ohne Amputation. Diese Hypothese wurde z.B. in den Untersuchungen von Brüggemann u.a. (2008) und Weyand u.a. (2009) experimentell untersucht.

Hypothesen für die Theoriebildung

Mit der theoriebasierten Formulierung und experimentellen Überprüfung von Forschungshypothesen können erwartete Zusammenhänge belegt werden. Z.B. konnte in Brüggemann u.a. (2008) gezeigt werden, dass mit Sprintprothesen tatsächlich eine Reduktion des metabolischen Energieumsatzes zu beobachten ist. Im Sinne des Erkenntnisprozesses sind jedoch gerade Untersuchungen, welche eine erwartete Hypothese widerlegen von besonderem Interesse, da hier die Notwendigkeit für eine Hinterfragung und für eine Revision (Überarbeitung / Erweiterung) der Theorie sichtbar wird. Daher ist bei der Formulierung von Hypothesen darauf zu achten, dass diese tatsächlich überprüft und auch widerlegt werden können.

Folgende Eigenschaften sollten bei der Formulierung von Hypothesen berücksichtigt werden (Bös u.a., 2004; Bortz und Döring, 1995):

  • allgemeingültige Behauptung, die nicht nur ein einzelnes Ereignis / einen Einzelfall mit einbezieht
  • Art des vermuteten Zusammenhanges zwischen Messgrößen klar formulieren (z.B. Ursache und Wirkung kennzeichnen)
  • klare, eindeutige, logisch widerspruchsfreie Formulierung
  • Bezug auf definierte Begriffe / Messgrößen
  • Begründung durch bestehende Einsichten und logische Zusammenhänge
  • Übertragbarkeit der Begriffe in messbare Variablen (im Sinne der quantitativen Forschungsmethodik)
  • Realisierbarkeit der Prüfung in einem Forschungsprozess / Versuchsablauf
  • Widerlegung und Falsifizieren muss denkbar / möglich sein
  • durch Widerlegungen bzw. Bestätigen der Hypothese sollen neue Einsichten gewonnen werden können

Der Ursache einer Hypothese wird eine unabhängige Variable (UV), und der Wirkung einer Hypothese eine abhängige Variablen (AV) zugeordnet. Diese müssen direkt messbar sein.

Beispiel einer Forschungshypothese:

Die maximale Sprintgeschwindigkeit [Wirkung, AV] einseitig beinamputierter Sprinter im Vergleich zu nichtamputierten Sprintern ist verringert, weil dieser aufgrund der fehlenden Muskulatur eine geringere Spitzen-Bodenreaktionskraft [Ursache, UV] erzeugen kann.

Durch die Überprüfung der Hypothesen lassen sich bestehende Theorien durch Beobachtungen jedoch nicht begründen oder gar beweisen, sondern „nur“ belegen bzw. bestätigen. Ebenso erfordern Theorien meist die Überprüfung durch eine Vielzahl von abgeleiteten Hypothesen. Für die Widerlegung einer Theorie genügt jedoch bereits ein Gegenbeispiel. Damit ist das „Scheitern“ einer Hypothese oft ein „Sieg“ für den Erkenntnisprozess.

Gleichzeitig ist der Begriff der Wahrheit aus wissenschaftlicher Sicht in einem relativen Bezug zu verstehen (Singer und Willimczik., 2002). Dabei ist die Übereinstimmung von Aussagen (Hypothesen), welche sich aus einer Theorie ableiten lassen und experimentell überprüfen und bestätigen lassen ein wichtiger Indikator.

Zusammenfassung

Forschungshypothesen sind ein wichtiges Werkzeug in einem theoriegetriebenem Forschungsprozess. Sie widerspiegeln einen Beitrag zur Beantwortung einer Forschungsfrage und damit zur Lösung eines Problems (Bös u.a., 2004). Hypothesen beinhalten überprüfbare Aussagen auf Basis von messbaren Größen, welche den Zusammenhang beschreiben. Damit bilden sie die Grundlage für die Versuchsplanung und die Interpretation der Ergebnisse als Grundlage für den Erkenntnisprozess. Eine statistische Prüfung der Hypothesen versucht falsche Schlussfolgerungen aufgrund von falsch interpretierten Ergebnissen auszuschließen (STAT8 ANOVA).

Fragen zur Wiederholung

  1. Welche Funktionen / Aufgaben haben Hypothesen im Forschungsprozess? Welche Vorteile ergeben sich durch die Formulierung einer Hypothese?
  2. Welche Anforderungen sind an die Formulierung von Hypothesen zu stellen?
  3. Formuliere drei Hypothesen, welche zur Beantwortung einer gewählten Forschungsfrage geeignet sein könnten (z.B. im Sportmanagement)! Begründe die Auswahl der Hypothesen und leite daraus ein mögliches Versuchsdesign und Vorgehen ab!
  4. Nenne ein Beispiel aus der Wissenschaft, in welchem eine etablierte Theorie aufgrund einer neuen Beobachtung revidiert werden musste!

Literatur

  • Bortz, J., & Döring, N. (1995). Forschungsmethoden und Evaluation. Springer-Verlag.
  • Bös, K., Hänsel, F., & Schott, N. (2004). Empirische Untersuchungen in der Sportwissenschaft. Hamburg: Czwalina.
  • Brüggemann, G. P., Arampatzis, A., Emrich, F., & Potthast, W. (2008). Biomechanics of double transtibial amputee sprinting using dedicated sprinting prostheses. Sports Technology, 1(4‐5), 220-227.
  • Hussy, W., Schreier, M., & Echterhoff, G. (2010). Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften. Berlin (ua), Deutschland: Springer-Verlag GmbH.
  • Singer R., & Willimczik, K. (2002) Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden in der Sportwissenschaft. Czwalina Verlag.
  • Weyand, P. G., Sternlight, D. B., Bellizzi, M. J., & Wright, S. (2000). Faster top running speeds are achieved with greater ground forces not more rapid leg movements. Journal of applied physiology, 89(5), 1991-1999.
  • Weyand, P. G., Bundle, M. W., McGowan, C. P., Grabowski, A., Brown, M. B., Kram, R., & Herr, H. (2009). The fastest runner on artificial legs: different limbs, similar function?. Journal of applied physiology, 107(3), 903-911.


free hits

fm/afm/afm02.txt · Zuletzt geändert: 03.05.2016 16:01 von Dario Tokur
GNU Free Documentation License 1.3
Driven by DokuWiki Recent changes RSS feed Valid CSS Valid XHTML 1.0