QFM15 Theoriebildung

Modul-Icon QFM15
Veranstaltung Seminar Quantitative Forschungsmethoden
Thema Theoriebildung
Autoren Christopher Brüschke, Felix Rentschler
Bearbeitungsdauer ca. 35 min
Letzte Bearbeitung 27.02.2015
Status Finalisiert


1. Einleitung

Die Überprüfung von theoretisch abgeleiteten Hypothesen anhand empirisch erhobener Daten, ist eine der wichtigsten Aufgaben im empirischen Forschungsprozess (Bortz & Döring, 2009, S. 352). Für Kromrey (2009, S. 47) sind Theorien für die Erfahrungswissenschaften die wesentlichen Denkwerkzeuge, die den Zugang zur Realität ermöglichen. Zugleich ist die Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien, aus denen sich spezifische Forschungshypothesen ableiten lassen, eine der größten Herausforderungen und stellen ein gänzlich vernachlässigtes Feld dar (Dörner, 1994, 343). Eine transparente Dokumentation über die Theoriefindung in wissenschaftlichen Arbeiten sind meist nicht vorhanden, sodass der Eindruck entsteht, dass das Finden und das Entdecken von Theorien eher auf Zufällen beruht. Betrachtet man große Entdeckungen in der Geschichte, scheint es das irrationale Moment der Theoriebildung zu bestätigen. Ein Bespiel ist hier die Entdeckung des archimedischen Prinzips, auf die auch Döring & Bortz verweisen (2009, S. 353), mit dem Hinweis das es sich dabei aber eher um den Bereich der Legendenbildung denn der Wissenschaftsgeschichte handle.

Archimedes bekam von Hieron II den Auftrag festzustellen, ob seine Krone aus purem Gold bestand, wie bestellt, oder ob diese mit billigem Material gestreckt worden sei. Das Problem bestand darin, das Archimedes die Krone nicht zerstören durfte. Der Legende nach fand er beim Baden die Lösung für sein Problem: So erkannte er, dass die Menge Wasser, welches beim Einsteigen in die Wanne übertrat, genau seinem Körpervolumen entsprach. Daraufhin tauchte er zuerst die Krone und danach einen Goldbarren ein, der genauso viel wog wie die Krone, in einen bis zum Rand gefüllten Eimer und maß anschließend die Menge des übergelaufenen Wassers. Die Krone verdrängte mehr Wasser als der Goldbarren bei gleichem Gewicht und war daher voluminöser. Damit wies Archimedes nach, dass die Krone aus einem Material geringerer Dichte, also nicht aus reinem Gold, gefertigt worden war.

Da das sensible Thema der Theoriebildung nur am Rande behandelt wird, wird dem Leser intensives Nachdenken, Literaturstudium, Intuition, Kreativität, ein reichhaltiger Erfahrungsschatz und genaueres Beobachten für die Theoriebildungsfindung empfohlen (Bortz & Döring, 2009, S. 354). Diesen allgemeinen Hinweisen kann zwar nicht widersprochen werden, jedoch entsteht der Eindruck von einer unwissenschaftlichen Arbeitsweise. Daher soll in diesem Wiki-Modul mögliche systematische Vorgehensweisen aufgezeigt werden, welche helfen sollen, ein Forschungsthema zu erkunden (Exploration) und welche Strategien (Heuristiken) nützlich sein können um neue Ideen und Hypothesen zu entwickeln. Dabei wird auf folgende vier Hauptstrategien der Hypothesengewinnung und Theoriebildung eingegangen:

  • theoriebasierte Exploration
  • methodenbasierte Exploration
  • empirisch-quantitative Exploration
  • empirisch-qualitative Exploration
                                                       verfasst von Felix Rentschler 

2. Explorationsstrategien

In diesem Kapitel sollen die vier Explorationsstrategien geordnet und entsprechend erläutert werden. Bortz und Döring (2009, S. 357) gliedern diese nach Theorie, Empirie und Methodik, welche in der erfahrungswissenschaftlichen Disziplin die wichtigsten Elemente darstellen.

2.1 Theoriebasierte Exploration

Da neue Theorien in der Regel an bereits vorhandene Modelle und Konzepte anknüpfen, „ist ein sorgfältiges Durcharbeiten der Fachliteratur der übliche Einstieg in ein Forschungsfeld“ (Bortz & Döring, 2009, S. 359). Ein sich daraus ergebendes Problem stellt hierbei die hohe Anzahl an entsprechender Fachliteratur dar, was eine gesteigerte Anforderung sowohl an Recherche- und Beschaffungsstrategien, als auch Reduktion des Stoffes mit sich bringt. Hierbei gibt es zwei Theoriequellen:

Alltagstheorien: Hierbei handelt es sich um Theorien, die Menschen ihrem eigenen Handeln zugrundelegen (Bortz & Döring, 2002, S. 359). Diese Alltagstheorien erschließen sich beispielsweise aus offenen oder halbstandardisierten Befragungen anderer Personen oder auch aus Zeitungen, Zeitschriften, Katalogen, Broschüren, etc.

Attributionsforschung: Diese beschäftigt sich damit, welche Ursachen Personen für bestimmte Ereignisse verantwortlich machen (Bortz & Döring, 2009, S. 359).

Das Ergebnis der theoretischen Arbeit sollte hierbei sein, dass die zentralen Merkmale und Kernthesen der wichtigsten Theorieansätze vergleichend zusammengefasst und gegenübergestellt werden. Zusammenfassungen und Bewertungen von theoretischen sowie empirischen Forschungsständen lassen sich auch in sogenannten Reviews (Übersichtsartikeln) finden, welche in regelmäßigen Abständen von entsprechenden Experten publiziert werden (Bortz & Döring, 2009, S. 360). Ein weiterer wichtiger Schritt ist der Vergleich von Theorien und Konzepten zu einem jeweiligen Forschungsthema: Diese Theorieansätze sollten gegeneinander abgewogen und in ihrem Erklärungswert, empirischen Gehalt oder Bestätigungsgrad untersucht werden.

Da sozialwissenschaftliche Theorien im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Theorien in der Regel alltagssprachlich und unklar definiert sind, muss der Informationsgehalt transparent gemacht werden. Das Ziel der theoriebasierten Exploration sollte also sein „durch Synthese und Integration neue Erklärungsmodelle zu entwickeln“ (Bortz & Döring, 2009, S. 363).

2.2 Methodenbasierte Exploration

Um Hypothesen entwickeln zu können reicht eine Recherche über bereits existierende Theorien in der Regel nicht aus. Ergänzend dazu müssen auch die Methoden untersucht werden, mit welchen bislang gearbeitet wurden. Zwar können verschiedene Methoden auf denselben Gegenstand angewandt werden, jedoch erfassen sie nicht automatisch dasselbe. Ein Methodenvergleich dient hierbei als hilfreiches Instrument, damit sich die für die Untersuchung notwendige Methode herauskristallisiert. Dabei kann zwischen zwei Ansätzen unterschieden werden:

Quantitativer Ansatz: Hierfür wird beispielsweise auf die sogenannte Multitrait-Multimethod-Methode zurückgegriffen, mit welcher übereinstimmende Ergebnisse verschiedener Operationalisierungen als Indiz für die Gültigkeit der Methoden interpretiert werden (Bortz & Döring, 2009, S. 365).

Qualitativer Ansatz: Die Triangulation ist eine Methode, um Befunde mehrerer Arten von Untersuchungsteilnehmer, unterschiedlichen Forschern, unterschiedlichen Theorien oder Methoden miteinander zu vergleichen (Bortz & Döring, 2009, S. 365).

Methoden können jedoch nicht nur miteinander verglichen, sondern auch variiert werden, beispielsweise durch veränderte Instruktionen, kombinierte Elemente mehrerer Techniken oder neuer Untersuchungsmaterialien (Bortz & Döring, 2009, S. 366).

Wenn Methoden ohne das Auswerten von Daten zu Hypothesen führen, spricht man von sogenannten Analogien. Diese werden gebildet, indem man einen entsprechenden Untersuchungsgegenstand den Namen und die Beschreibung eines anderen, jedoch ähnlich arbeitenden Gegenstandes zuteilt. Ein Beispiel hierfür ist der Vergleich des menschlichen Gehirns mit einem Computerspeicher. Die Analogie ist jedoch nicht mit der Metapher zu verwechseln, welche lediglich ein sprachliches Stilmittel darstellt, welches eine bildliche Beschreibung liefern soll.

Insgesamt trägt die methodische Exploration dazu bei, „die Verflechtung von Methoden und Erkenntnissen durch Vergleich und Variation der Methoden transparent zu machen“ (Bortz & Döring, 2009, S. 367).

2.3 Empirisch-quantitative Exploration

Mit dieser Methode werden neue Ideen und Hypothesen mittels der Nutzung quantitativer Daten unterschiedlicher Herkunft abgeleitet (Bortz & Döring, 2009, S. 369). Diese beinhalten in der Regel mehr Variablen sowie graphische Datenanalysen. Zugriff auf quantitative Daten erhält man folgendermaßen:

Nutzung vorhandener Daten

Eigene Datenerhebungen sind oft zeitaufwendig und nicht minder teuer, weshalb eine Auswertung vorhandener Datensätze in dieser Hinsicht ökonomischer Erscheint. „Datenarchive stellen Datensätze zu unterschiedlichen Themengebieten in elektronisch gespeicherter Form zu Verfügung“ (Bortz & Döring, 2009, S. 369). Die Nutzung und Auswertung dieser Rohdaten werden als Sekundäranalyse bezeichnet. Verwendet man eigene Daten, wird dies als Primäranalyse bezeichnet.

Datenbeschaffung durch Dritte

Werden Daten benötigt, welche in den zugänglichen Materialsammlungen nicht enthalten sind, besteht die Möglichkeit, die Datenerhebung bei kommerziellen Anbietern durchführen zu lassen. Je nach Umfang der der Untersuchung können sich die Kosten auf mehrere tausend Euro belaufen. Aufgrund dieser hohen Kosten ist diese Art der Datengewinnung für Studierende eher unerschwinglich. „Die Schwachstelle kommerzieller Datenerhebung liegt jedoch in den Arbeitsbedingungen der auf Honorarbasis operierenden Interviewer, die wegen unzureichender Schulung, geringer Entlohnung und schwieriger Fragebögen in der Praxis mehr oder weniger häufig von den methodischen Standards abweichen“ (Bortz & Döring, 2009, S. 370).

Eigene Datenbeschaffung

Bei der Erhebung eigener Daten ist eine gründliche Planung unabdingbar. Hierbei ist besonders Rücksicht auf Art und Anzahl der Variablen, Untersuchungsteilnehmer, Operationalisierungen der Konstrukte und Erhebungsinstrumente zu nehmen.

Sind die benötigten Daten durch eine der Methoden beschafft worden, dient die deskriptive Analyse der Zusammenfassung und übersichtlichen Darstellung dieser. Mit jedem üblichen Statistikprogramm (bspw. SPSS) können die Daten sowohl numerisch (z.B. Häufigkeitstabellen) als auch graphisch (z.B. Histogramm) dargestellt werden.

Ein weiteres Verfahren ist die Multivariate Explorationstechnik, welches ein datenreduzierendes sowie datenstrukturierendes Vorgehen darstellt. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Clusteranalyse:

Abb. 1 Beispiel eines Clusters

„Die empirisch-quantitative Exploration trägt durch eine besondere Darstellung und Aufbereitung von quantitativen Daten dazu bei, bislang unberücksichtigte bzw. unentdeckte Muster und Regelläufigkeiten in Meßwerten sichtbar zu machen“ (Bortz & Döring, 2009. S. 369).

                                 
                                                         verfasst von Christopher Brüschke

2.4 Empirisch qualitative Exploration

Bei der empirisch qualitativen Exploration werden qualitative Daten genutzt, um daraus Hypothesen und Theorien zu gewinnen. Durch ihre offene Form erhöhen qualitative Datenerhebungen die Wahrscheinlichkeit, in dem detailreichen Material auf neue Aspekte zu stoßen (Bortz & Döring, 2009, S. 381). Ein weiterer großer Vorteil qualitativer Daten ist, dass diese sich prinzipiell überall finden lassen, beispielsweise in Gebrauchstexte, Graffiti, Flugblätter und Comics (Bortz & Döring, 2009, S. 380). Zur Beschaffung von qualitativen Daten gibt es viele Datenerhebungsmethoden. Um dabei ein erfolgreiches und wissenschaftliches qualitatives Arbeiten zu gewährleisten, sind viel Zeit und ein gründlicher Erfahrungsschatz Voraussetzung (Bortz & Döring, 2009, S. 381). Folgende Schritte sollen bei der explorativen qualitativen Datenanalyse helfen:

2.4.1 Inventare

Inventare vermitteln einen ersten Überblick, mit Hilfe einer Auflistung der wichtigen Aspekte oder Elemente des Untersuchungsgegenstandes. Inventare werden vor allem bei Beginn einer theoretischen Auseinandersetzung mit einem wenig erforschten Thema genutzt, da sich zunächst die Frage stellt, welche Aspekte, Facetten oder Komponenten überhaupt von Bedeutung sind (Döring & Bortz, 2009, S. 381f).

2.4.2 Typen und Strukturen

Die oben angesprochenen Inventare werden genutzt, um daraus Typen oder Strukturen zu bilden. Diese beschreiben zum einem die Anordnung der Einzelelemente und zum anderen typische Merkmalskombinationen aus dem Inventar (Döring & Bortz, 2009, S. 382f).

2.4.3 Ursachen und Gründe

Qualitative Ursachenforschung ist nicht routinisierbar, jedoch gibt es folgende Ansätze um das Auffinden kausaler Hypothesen zu erleichtern:

  • Analyse natürlich variierender Begleitumstände
  • Analyse willkürlich manipulierter Begleitumstände
  • Veränderung auf Grund besonderer Ereignisse
  • Ursachen erfragen
  • Auffälligkeit in der Lebensgeschichte
  • Eigene Initiativen erkunden
  • Systematische Vergleiche

Jedoch ist bei dem entdecken von Ursachen und Gründe die Erfahrung mit dem Untersuchungsfeld, sowie ein Gespür für tatsächliche oder nur scheinbare Ursachen die wichtigste Voraussetzung (Döring & Bortz, 2009, S. 383f).

2.2.4 Verläufe

Soziale Sachverhalte sind in hohem Maße dynamisch, daher ist es wichtig neben Momentaufnahmen auch den Verlauf eines solchen Theoriebildungsprozesses zu rekonstruieren (Döring & Bortz, 2009, S. 384f).

2.4.5 Systeme

Bei der Erkundung von ganzen Systemen handelt es sich um die anspruchsvollste Aufgabe bei der Explorative qualitative Datenanalyse. Ein System soll den kompletten Untersuchungsgegenstand in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und Wechselwirkungen hypothetisch erklären (Döring & Bortz, 2009, S.385f).

                               verfasst von Felix Rentschler 

3. Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es keinen vorgefertigten Weg zur Findung einer Theorie beziehungsweise daraus resultierenden Hypothesen gibt. Da in wissenschaftlichen Arbeiten selten der Weg zu einer gebildeten Theorie dokumentiert wird, ist es für den Leser schwer nachzuvollziehen und in seinen eigenen Forschungsprozess einzubauen. Dieses Wiki-Modul soll einen kurzen Überblick über Möglichkeiten geben, welche Explorations- und Auswertungsmöglichkeiten es in der sozialwissenschaftlichen Forschung gibt. Abschließend kann festgehalten werden, dass eine intensive Beschäftigung mit dem Forschungsthema und eine gründliche Literaturrecherche für den Weg der Theoriebildung die wichtigsten Merkmale darstellen.

                                       
                                       verfasst von Christopher Brüschke und Felix Rentschler 

Fragen

1. Wie unterscheiden sich sozialwissenschaftliche Theorien von den naturwissenschaftlichen?

2. Welche Methode steht der Multitrait-Multimethod-Methode gegenüber? Definiere diese kurz!

3. Aus wie viel Schritten besteht die empirisch–qualitative Exploration?

4. Ordne und nenne die Schritte der empirisch–qualitative Exploration?

Literatur

  • Bortz, J & Döring, N. (2009). Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler (4., überarbeitete Auflage). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
  • Dörner, D. (1994). Heuristik der Theoriebildung. In T. Herrmann & W.H. Tack (Hrsg.), Methodologische Grundlagen der Psychologie (Enzyklopädie der Psychologie: Themenbereich B, Methodologie und Methode: Ser. I, Forschungsmethoden der Psychologie, Bd. 1 S. 343-388). Göttingen: Hogrefe.
  • Kromrey, H. (2006). Empirische Sozialforschung (11. Auflage). Stuttgart: Lucius & Lucius UTB.
  • Lamnek, S. (2010). Qualitative Sozialforschung. Band 1 Methodologie (5., korrigierte Auflage). Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union.


Bewertung des Wiki-Moduls

Kategorie Brüschke Rentschler Anmerkungen
Inhalt (max. 10) 08 Pkt 09 Pkt Praxisbezug und etwas kreativere Aufarbeitung wünschenswert, gute Einleitung
Form (max. 5) 05 Pkt 05 Pkt gute Übersichtlichkeit und Struktur
Bonus (max. 2) 0 Pkt 0 Pkt -
Summe 13 Pkt 13 Pkt 26 Pkt
Einzelbewertung 13/15=87% 14/15=93% 27/30 = 90%
fm/quant_fometh/ws14_projekte/qfm15.txt · Zuletzt geändert: 15.07.2015 18:59 von Filip Cengic
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