LAK03 Flip the Classroom

Modul LAK03 Workshop zum Lehransatz Flip the Classroom (FTC)
Kategorie Lehr- und Arbeitskonzepte
Autor Andre Seyfarth
Voraussetzung LAK01 Reflexion
Bearbeitungsdauer ca. 45 Minuten
(Workshop am 12.11.2014: 14-16Uhr)
Letzte Änderung 22. November 2014
Status finalisiert


Einleitung

Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen
(Heraklit, griechischer Philosoph)
Unser Bildungssystem hat unsere Köpfe genau so ausgebeutet wie wir die Erde ausbeuten: Um eines bestimmten Rohstoffs willen. Und für die Zukunft, wird uns das nichts nutzen.
(Ken Robinson, TED talk 2006)

Tag der Lehre 2014 an der TU Darmstadt

In diesem Wiki-Modul werden Ansätze zur Gestaltung von Lehrveranstaltungen (LV) basierend auf dem Konzept „Flip the Classroom“ (FTC) beschrieben, welche im Rahmen des Workshops „Flip the Classroom“ am Tag der Lehre 2014 an der TU Darmstadt vorgestellt wurden.

Unter „Flip the Classroom“ wird ein Lehransatz verstanden, in dem Studierende Lehrmaterialien in Form von Literatur oder Online-Materialien bereit gestellt werden und diese in Vorbereitung auf die LV selbstständig erarbeitet werden. Somit werden in der LV Freiräume geschaffen, um die Lehrinhalte zu hinterfragen und in weiterführende Fragestellungen zu übertragen.

Lernziel Ziel des Workshops ist es, Arbeitstechniken für eine LV mit dem FTC-Ansatz kennen zu lernen und praktisch zu üben. Gleichzeitig nutzen wir die Expertise der Workshop-Teilnehmer, um über ihre Lehrerfahrungen zu reflektieren. Damit können bestehende Herausforderungen, neue Einsichten und Ansätze für die Lehre abgeleitet werden.



Einführendes Beispiel

Zunächst möchte ich ein Beispiel für ein FTC-Lehrkonzept basierend auf dem IFS-LehrWiki (zu dem auch dieses Wiki-Modul gehört) vorstellen, welches 2013 mit dem E-Teaching-Award 2013 der TU Darmstadt ausgezeichnet wurde. Der Vortrag zum Tag der Lehre 2013 wird hier noch einmal zusammengefasst:


 WikiKonzept (Folien 1 und 2)
Folie 1: Heute möchte ich Ihnen einen Ansatz vorstellen, der unsere Lehre vielfältiger und nachhaltiger machen kann. Folie 2: Unsere Studierenden kommen mit hohen Erwartungen aber auch mit vielen Ideen und eigenen Erfahrungen zu uns zum Studium. Können wir dieses Potential nicht besser für die Lehre nutzen? Ich denke ja. Damit könnte die Lehre interessanter und dynamischer werden. Jedoch brauchen wir dafür geeignete Voraussetzungen.


 WikiKonzept (Folien 3 und 4)
Folie 3: Für die Planung und Durchführung der Lehre stehen Werkzeuge wie TUCaN und Moodle zur Verfügung. Informationen und Dokumente können damit innerhalb eines Kurses ausgetauscht werden. Mit entsprechendem Aufwand können die Materialien auch für andere Kurse nutzbar gemacht werden. Aber meist wissen die KollegInnen aber auch Studierenden, die den Kurs nicht besucht haben, nicht, welche Inhalte und Materialien verwendet werden. Folie 4: Um das zu ermöglichen, müssen die Inhalte sichtbar gemacht werden. Genau das ist die Idee des Wiki-Konzepts.


 WikiKonzept (Folien 5 und 6)
Folie 5: Unsere Wiki-Module beschreiben z.B. Grundlagen der Biomechanik und weiterführende Wiki-Projekte. Alle Inhalte sind einheitlich strukturiert, frei zugänglich und miteinander durch Bezüge verbunden. In Vorbereitung auf das ProSeminar werden jeweils 2 Module a 45min erarbeitet und die Inhalte im Kurs mit einem Fragebogen abgefragt. Offene Fragen bilden die Grundlage für die Diskussion. Folie 6: In einem Wiki-Projekt wird ein selbst gewähltes Thema im Team erarbeitet. Nach einem erfolgreichen Peer-Review durch 2 externe Studierende wird das Wiki-Modul im Seminar präsentiert und diskutiert. Alle Wiki-Module werden evaluiert und entsprechend dem Feedback überarbeitet.


 WikiKonzept (Folien 7 und 8)
Folie 7: Zunächst als Alternative für Projekt-Berichte angeboten, haben sich die Studierenden sehr schnell für die Wiki-Projekte entschieden. Ihre Arbeit bietet eine Grundlage für zukünftige Wiki-Projekte oder für andere Lehrangebote. Sie schaffen einen bleibenden Wert, der über die Grenzen des Institutes, des Fachbereiches und auch der Universität hinaus sichtbar wird. Die Lehre erhält eine Dynamik, welche auf der Kreativität und den Erfahrungen der Studierenden aufbaut und vielfältig nutzbar wird. Die Studierenden gestalten selbst aktiv die Lehre mit. Das ist der Kern des Wiki-Konzepts. Folie 8: Ich danke unseren Studierenden und Mitarbeitern für die ausgezeichnete Zusammenarbeit!


Verlauf der Lehrveranstaltung

Als praktische Übung reflektieren (→ LAK01 Reflexion) die Teilnehmer der Lehrveranstaltung (hier des Workshops) zunächst selbst und anschließend in 2-er Gruppen über Inhalte der Lehre. In diesem Workshop werden beispielhaft die eigenen Erfahrungen aus der Lehre als Beispiel für die Inhalte genommen, um eine aktive Mitarbeit und hohe Eigenmotivation der Teilnehmer zu erreichen. Dabei arbeiten sie übertragbare Lösungsansätze bzw. offene Fragen heraus. Danach werden die erarbeiteten Einsichten in einer Plenum-Diskussion zusammengetragen und Vorschläge für vertiefende Projektthemen erarbeitet. Die Relevanz der potentiellen Projektthemen wird über ein Stimmungsbild bestimmt. Z.B. kann jeder Teilnehmer eine bestimmte Anzahl von gewünschten Themen (z.B. max. 5) auswählen.

Das Vorgehen wird in folgender Grafik veranschaulicht:

Ablauf der Lehrveranstaltung mit Selbstreflexion, Gruppenreflexion und Diskussion im Plenum.


Folgende Arbeitsblätter (nach Folie 21 in der Workshop-Präsentation) werden zur Durchführung des Workshops benötigt:

Blatt 1   Fragebogen „Was erwarten Sie?“ 
Blatt 2a Arbeitsblatt „Selbstreflexion“ (Reflexion nach der SOFT-Analyse)
Blatt 2b Arbeitsblatt „Gruppenreflexion“ (Reflexion nach der SOFT-Analyse)
Blatt 3 Handout „Projekt“ mit Take-Home Message
Blatt 4 Feedback zum Workshop


Zeitplan des Workshops

Nr. Dauer/Gesamtzeit Inhalt Arbeitsblatt
1 10min/10min Vorstellungsrunde
2 10min/20min Einführung in Workshop
3 10min/30min Fragebogen „Was erwarten Sie?“ Blatt 1
4 10min/40min Selbstreflexion (Reflexion nach der SOFT-Analyse) Blatt 2a
5 10min/50min Gruppenreflexion (Reflexion nach der SOFT-Analyse) Blatt 2b
6 20min/70min Diskussion Ergebnisse der Reflexionen,
Stimmabgabe zu Relevanz von Projektthemen
 
7 30min/100min Projektarbeit zu relevantesten Themen Blatt 3
8 10min/110min Vorstellung Projektergebnisse (90s pro Gruppe)
9 10min/120min Feedback zum Workshop Blatt 4



Erweiterung mit Leistungsbewertung

Das im letzten Abschnitt beschriebene Vorgehen

Selbstreflexion Gruppenreflexion Diskussion Themenfindung

kann - bei Bedarf - gezielt so geändert werden, dass eine Leistungsbewertung der Studierenden mit erfolgen kann. Eine Reflexion sollte hingegen frei von einer Bewertung sein, d.h. hier sollten (positive wie negative) Gedanken frei entwickelt werden können, ohne Rücksicht darauf, ob diese „gut“ oder „schlecht“ sind.

Im ProSeminar Biomechanik wird z.B. die erste Phase (Selbstreflexion) durch die Beantwortung eines Fragebogens (2 Fragen pro Wiki-Modul) ersetzt. Hier haben die Studierenden ca. 10 Minuten Zeit, um ihr Wissen zu hinterfragen. Anschließend tauschen die beiden Studierenden einer Lerngruppe ihre Fragebögen aus und bewerten die Antworten des Lernpartners. Die Bewertung erfolgt inhaltlich (was hat gefehlt?, was könnte anders beantwortet werden?, welche Antworten sind nicht klar?) als auch mit einer Bewertungsskala von 1-5 Punkten (ähnlich wie auf Amazon bedeuten 5 Punkte die beste Leistung). In einem anschließenden Gespräch in der 2-er Gruppe erklären sich die Studierenden gegenseitig die falschen oder fehlerhaften Antworten. Fragen, die beide Studierende nicht vollständig beantworten können (z.B. weil die Fragestellung nicht klar wurde), werden mit einem Kreuz markiert („offene Frage“).

Nachdem die Fragebögen beantwortet und (mit Hilfe des Lernpartners) korrigiert wurden, werden diese eingesammelt. Er dann beginnt eine Zusammenfassung der gewonnenen Einsichten (durch einen Sprecher der Lerngruppe) und die Diskussion und Beantwortung der offenen Fragen (gemeinsam im Plenum).

Bis zur nächsten Lehrveranstaltung werden die Fragebögen aller Studierenden bewertet und der Punktestand in einer Tabelle zusammengefasst. Mit einem Ampelsymbol (Farbe grün, gelb oder rot) wird der Leistungsstand vereinfacht dargestellt. Für die Zulassung zum Projekt müssen 50% der Punkte aus den Fragebögen zu den Grundlagen-Wikis erreicht werden. Die Ampel-Farben bedeuten:

Farbe erreichte Punktezahl Bedeutung
grün mehr als 60% Leistung für Zulassung ausreichend
gelb zwischen 40% bis 60% Leistung muss konsolidiert werden
rot unter 40% Leistung muss gezielt verbessert werden
ggf. Gespräch mit Dozenten suchen

Leistungen mit mehr als 65% bzw. 80% der erreichbaren Punkte werden mit einem Notenbonus von 1/3 bzw. 2/3 Note belohnt. Damit steigt die Motivation, sich mit den Grundlagen-Wikis intensiv zu beschäftigen. Wichtig ist jedoch, dass die Bewertung der Studierenden grundsätzlich auf den Leistungen im Projekt beruht und die Fragebögen zu den Grundlagen hier nur eine Voraussetzung zum Projekt darstellen und ggf. die Projektnote leicht verbessern können.

Also zusammengefasst, lässt sich das Vorgehen mit kontinuierlicher Leistungsbewertung der Studierenden wie folgt beschreiben:

Fragebögen zu Grundlagen-Wikis beantworten Antworten des Lernpartners korrigieren  → Zusammenfassung der Einsichten, Offene Fragen herausarbeiten Diskussion und Beantwortung der offenen Fragen

Diese Vorgehen wird auch im zweiten Teil des L angewandt. Hier steht die Vorstellung der vertiefenden Wiki-Projekte (Vortrag mit Selbstreflexion) in Mittelpunkt der LV:

Fragebögen zu vertiefenden Wikis beantworten Antworten des Lernpartners korrigieren  → Zusammenfassung der Einsichten, Offene Fragen herausarbeiten Vortrag zu Wiki-Projekt mit Selbstreflexion und Fragen für Diskussion Diskussion und Beantwortung der offenen Fragen

D.h. auch die vertiefenden Wikis werden von allen Studierenden durchgearbeitet und anschließend in einem Fragebogen hinterfragt. Hieran zeigt sich die Übertragbarkeit des Ansatzes von Grundlagen-Wikis zu den vertiefenden Wikis aus den Wiki-Projekten.



Ergebnisse des Workshops

Die Teilnehmer des Workshops konnten dem Lehransatz für die (nachgespielte) Lehrveranstaltung gut nachvollziehen. Das Engagement der „Studierenden“ (d.h. der teilnehmenden Dozenten und Mitarbeiter der TU) war enorm. So war der Zeitrahmen des Workshops mit 2 Stunden am Ende doch kurz gesteckt.

Gerade die Phasen der Selbst- und Gruppenreflexionen haben sehr viele Einsichten und Herausforderungen in der Lehre zu Tage gebracht. Darüber hinaus haben die Teilnehmer eine Reihe von Fragen zur Übertragbarkeit des Lehrkonzeptes in besondere Lehrsituationen gestellt. Einige Fragen konnten direkt beantwortet werden, die anderen wurde im Bericht zu diesem Workshop zusammengefasst:



Zusammenfassung

Die Teilnehmer konnten das Lehrkonzept „Flip the Classroom“ am Beispiel einer fiktiven Lehrveranstaltung zum Thema „Erfahrungen in der Hochschullehre“ hautnah mit erleben. Durch die Selbst- und Gruppenreflexionen konnten Einsichten und Erfahrungen bezüglich der Lehre ausgetauscht und relevante offene Fragen diskutiert werden. Aufgrund erfreulich vieler inhaltlicher Nachfragen waren Anpassungen im Zeitplan erforderlich. Daher konnte die Projektarbeit (Punkte 7 und 8 im Zeitplan) nicht wie geplant durchgeführt werden.



Fragen

  • Konzipiere eine Lehrveranstaltung (LV) nach dem Lehrkonzept „Flip the Classroom“ (FTC)! Erstelle einen Ablaufplan und die Vorlagen für die Einzel- und Gruppenarbeit!
  • Nach welchen Kriterien kann der Erfolg einer LV bewertet werden? Welche Formen des Feedbacks sind hierfür geeignet?
  • Für welche LV-Arten ist das FTC-Konzept weniger gut geeignet? Welche Lehrkonzepte wären hier denkbar?

Weiterführende Informationen

fm/lak/lak01.txt · Zuletzt geändert: 16.12.2014 22:59 von Andre Seyfarth
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