FMP1406 Dehnung/Kraft

Title Schnellkraft/statisches Dehnen
Veranstaltung PS Forschungsmethoden II
Leitung Prof. Dr. phil. Andre Seyfarth
Betreuung Martin Grimmer
Autoren Giuliano De Meo, Philipp Jodes, Tim Kaffenberger, Henning von Deylen
letzte Bearbeitung

1. Einleitung

In unserem Forschungsprojekt haben wir uns mit der Frage beschäftigt, ob bzw. welchen Einfluss das statische Dehnen auf die Schnellkraftleistung bezüglich der Schusskraft im Fußball hat. Da im Fußball, wie man weiß, die Tore darüber entscheiden ob man als Sieger oder Verlierer vom Platz geht, ist es wichtig als Fußballspieler eine besonders gute Schusstechnik und hohe Schusskraft zu verfügen. Nun ist es im Fußball grundsätzlich so, dass von den Trainer gefordert wird, vor der Belastung bzw. dem Wettkampf die Muskulatur nicht nur aufzuwärmen, sondern auch zu dehnen um Verletzungen vorzubeugen und einen optimalen Zustand für die weiteren Belastungen zu erreichen. Doch ist die Aufforderung zu dehnen besonders im Hinblick auf die Schusskraft gerechtfertigt?

Stand der Forschung

Forschungen zum Einfluss von statischem Dehnen auf Schnellkraft

Autoren(Jahr) Probanden Dehnintervention Abhängige Variable Ergebnis
M. Hillebrecht(2013) 36 Sportstudierende
(15 weiblich, 21 männlich;
Alter: 20-39 Jahre)
pro Gruppe
(5 weiblich, 7 männlich)
1. statisches Dehnen
2. dynamisches Dehnen
3. Kontrollgruppe, kein Dehnprogramm
- M.quadriceps femoris
- M.biceps femoris
- Maximal- und Schnellkraftparameter
- In allen Gruppen und bei allen Parametern vom Vortest zum Nachtest 1 Verschlechterungen der Leistungen festzustellen
- Größere Abweichungen bei der Explosivkraft als bei der Maximalkraft
C. Höss-Jelten
(2003)
15 männliche
Sportstudierende
1. Anspannungs-Entspannungs-Dehnen (5 Sekunden Kontraktion, 2 Sekunden Entspannung, 30 Sekunden statische Dehnung)
2. dynamisches Dehnen (15 Wdh., 10cm weit, langsam bis zügig)
3. statisches Dehnen (15 Sekunden)
- M.quadriceps femoris
- M.biceps femoris
- Maximal- und Schnellkraft
- statische Maximalkraftmessung einbeinig
- dynamische Maximalkraftmessung beidbeinig
- Dehnmethoden unterscheiden sich nicht in Wirkungen
- signifikante Abnahme nur in der exzentrischen Maximalkraft des rechten Beins
- ansonsten kaum Veränderungen nach Dehnen

Wie man anhand der oben stehenden Forschungen von Christine Höss-Jelten (2003) und Martin Hillebrecht (2013) gut erkennen kann, gibt es hinsichtlich der Frage , welche kurzfristigen Auswirkungen das statische Dehnen auf die Schnellkraft bezüglich des M.quadriceps femoris hat, widersprüchliche Ergebnisse. Daraus lässt sich schließen, dass bisher noch keine eindeutige Lösung zu diesem Thema gefunden wurde und deshalb das Thema noch gründlicher untersucht werden muss. Aus diesem Grund machten wir uns zur Aufgabe, eigene Ergebnisse bezüglich dieses Themas zu erarbeiten und unsere eigenen Rückschlüsse aus diesen Ergebnissen zu ziehen. Dabei galt es also die Forschungshypothese, die lautete, dass statisches Dehnen zu kurzfristigen Leistungsverluste des Beinstreckers bezüglich der Schusskraft im Fußball führt, im folgendem zu überprüfen.

2. Methoden

Definitionen

  • statisches Dehnen: „Stretching ist im deutschen Sprachraum als Dehnungsmethode definiert, bei der die Dehnposition langsam eingenommen und dann über einen Zeitraum von 10 bis 60 Sekunden gehalten wird. In der Literatur wird sie daher auch als statisches Dehnen bzw. als Dauerdehnung bezeichnet. Über die Zeit, die die Dehnungsposition beibehalten werden soll, herrscht nach wie vor Uneinigkeit. So werden Werte zwischen 5 und 60 Sekunden angegeben (vgl. Ullrich & Gollhofer, 1994). Zum einen wird das Stretching im Beweglichkeitstraining eingesetzt und zum anderen als Aufwärmmethode. Zur Steigerung der Bewegungsamplituden hat es sich seit langem als effektive Trainingsmethode etabliert, und die Erfahrungen aus der Praxis und die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien ergänzen sich weitgehend. Als Aufwärmmethode wird das Stretching hingegen zunehmend kritisch hinterfragt.“ ( S.Turbanski, 2005)
  • Schnellkraft: „Schnellkraft ist die Fähigkeit des neuromuskulären Systems, einen möglichst großen Impuls (Kraftstoß) innerhalb einer verfügbaren Zeit zu entfalten“ (D.Schmidtbleicher, 2003, S.18f). Somit wird die Schnellkraft „überall dort benötigt, wo der eigene Körper, Körperteile oder ein Sportgerät (z.B. Speer, Kugel usw.) in einem hohen Maße beschleunigt werden soll“ (H.Will, 2009). Zu den Komponenten, die die Schnellkraft bestimmen bzw. beeinflussen, zählt erstens die Maximalkraft, zweitens die Explosivkraft, die zu einem steilen Kraftanstieg der Kontraktion führt sowie drittens die Startkraft , die die Fähigkeit ist, gerade zu Beginn der Bewegung einen steilen Kraftanstieg zu ermöglichen (vgl. ebd., 2009). Bezogen auf den Fußball ist die Schnellkraft die wichtigste Krafteigenschaft für den Fußballspieler, da Schusskraft, Sprungkraft und Antrittsschnelligkeit maßgeblich durch sie bestimmt werden. (vgl. G.Bisanz & G.Gerisch, 2013)

Isomed2000

Ermittlung der Schusskraftleistung bzw. Schnellkraft erfolgt durch den ISOMED 2000.
„ISOMED 2000 ist ein vielseitig einsetzbares isokinetisches Test- und Trainingsgerät, mit dem Muskelaktionen der beugenden und streckenden Muskulatur in einem Übungsaufbau unter standardisierten Bedingungen registriert werden können. Die Diagnostik ist somit zur Einschätzung des neuromuskulären Funktionsstatus besonders geeignet und ermöglicht die Objektivierung, Verlaufskontrolle und Steuerung des Trainings. Mit Hilfe isokinetischer Systeme lassen sich Kraft-, Arbeits- und Leistungswerte im konzentrischen und exzentrischen Modus erfassen und Muskelkraftverhältnisse ermitteln.“ (https://www.uniklinikum-dresden.de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/ouc/sportmedizin/forschung/ospaktuell/022004.pdf (15.08.2014))



Ablauf

Vorbereitung
Bevor die Messungen bezüglich der Schnellkraft am ISOMED 2000 durchgeführt werden konnten, musste für jeden einzelnen Probanden eine Einstellung vorgenommen werden.
Folgende Größen wurden dabei eingestellt: Drehung, Höhe, Schwenkarm und Auszug-Länge sowie Auszug-Seite (siehe Abb.1).

Abb.1: Allgemeine Probandeneinstellung

Nachdem alle Probandeneinstellungen vorgenommen wurden, wurde der Trainingsplan für unsere Forschung erstellt (siehe Abb.2). Dabei wurden vier Trainingseinheiten (2 Einheiten bezüglich der Maximalkraft & 2 Einheiten bezüglich der Schnellkraft) für den Test angelegt. Wobei jedoch nur die Trainingseinheiten bezüglich der Schnellkraft für unsere Auswertung berücksichtigt wurden. Bei der ersten Trainingseinheit wurden auf der rechten Seite (R) 3Wdh. mit 240°/s (Maximalkraft) gemacht. Bei der zweiten Trainingseinheit wurden 3 Wdh mit 60°/s (Schnellkraft) durchgeführt. Nach Beendigung der rechten Seite wurde dann der Schwenkarm für das linke Bein eingestellt und die identischen Testprotokolle für die linke Seite wiederholt.

Abb.2: Trainingsplan Schnellkraft / Maximalkraft



Ablaufplan

Kraftdiagnose 1 Krafttest (linkes und rechtes Bein) ohne Erwärmung
Erwärmung 8 min Laufband bei 10km/h
Kraftdiagnose 2 Krafttest (linkes und rechtes Bein)
Dehnen rechtes Bein wird gedehnt
Kraftdiagnose 3 Krafttest (linkes und rechtes Bein)

Die Untersuchung wurde an 9 Sportstudenten (7 männliche und 2 weibliche Versuchspersonen) durchgeführt. Die Durchführung begann ohne Vorerwärmung der betroffenen Muskulatur mit dem ersten Krafttest. Dabei führte der Proband mit dem rechten sowie dem linken Bein drei Wiederholungen des Beinstreckers mit maximaler Kontraktionsgeschwindigkeit aus. Nach Beendigung des ersten Krafttests absolvierte der Proband dann ein 8-minütiges Aufwärmprogramm auf dem Laufband. Anschließend durchlief der Proband, nach gleichen Ablauf wie beim ersten Krafttest, den zweiten Krafttest. Danach wurde durch die Anweisungen eines weiteren Versuchsleiter die Dehnübung (siehe Abb.3) dem Probanden vorgeführt. Die Durchführung der Übung wurde vom Versuchsleiter beaufsichtigt, genaues siehe unten. Dann ging es über zum dritten und letzten Krafttest.

Durchführung Statisches Dehnen: 20s+60s Pause, 4 Wdh., submaximale Intensität (keine Schmerzen, intensives Dehngefühl), Kniestrecker (nur rechtes Bein gedehnt)

Abb.3: Dehnung des quadriceps femoris

Auswertung

Der größte Vorteil des Isomed 2000 ist es, dass dieser alle ausgeführten Bewegungen abspeichert. So können alle abgespeicherten Daten vom Isomed digital auf einen Rechner zur Bearbeitung kopiert werden und müssen nicht handschriftlich festgehalten werden. Die am Isomed 2000 abgespeicherten Messdaten wurden vom Dozenten in einer Textdatei zusammengefasst und zur Auswertung bereitgestellt. Diese Textdatei wurde im Anschluss in Excel importiert, um so eine Auswertung vorzunehmen. Danach wurden alle für die Gruppe irrelevanten Werte aus der Tabelle gelöscht. Übrig blieben so nur noch die Zeit-und Kraftwerte, die von der Gruppe für speziell ihren Versuch benötigt wurden. Anschließend mussten die Kraftwerte für jeden Durchgang aus der Tabelle gelesen werden. Diese wurden dann durch die Zeit geteilt, um in der Folge die Steigung zu erhalten. Dies wurde mit jeder der drei Wiederholungen gemacht und zum Schluss ein Mittelwert aus den drei Werten gebildet. Dies wurde im Sinne eines einheitlichen Vergleichswertes der verschiedenen Probanden miteinander durchgeführt.

Beispiel: Hier haben wir eine Auswertung des rechten Beins nach Erwärmung

Abb.: 4. Verlauf der Mittelwerte der 3 Messungen von der Kraft über die Zeit.

Nachdem alle Werte zusammengetragen wurden, wurde mit Excel eine einfaktorielle Varianzanalyse durchgeführt. Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse dieser Varianzanalyse aufgezeigt und näher beschrieben bzw. interpretiert.

3. Ergebnisse

Das linke und das rechte Bein wurde im einzelnen ausgewertet (siehe Abb.5 & Abb.6). In unserem Fall diente das linke Bein, das aufgrund von Mangel an Probanden und Zeit nicht gedehnt wurde, als Kontrolle zum rechten Bein, welches gedehnt wurde. In Abb. 5 kann man sehr schön sehen, dass wir einen Wert von 0,74 haben und damit deutlich unter der 0,95 Grenze liegen und wir damit die Aussage treffen können, dass wir keinen signifikanten Unterschied haben, ob unsere Schnellkraft mit oder ohne Dehnen abgenommen oder zugenommen hat (das linke Bein wurde zum Zeitpunkt nach der Dehnung gemessen und wurde nicht gedehnt!)

Abb.5: Auswertung linkes Bein

Im Gegensatz zum Kontrollbein gab es beim rechten Bein einen deutlich besseren Wert (0,81), der jedoch auch wie der Wert vom linken Bein deutlich unter der 0,95 Grenze liegt und wir damit auch die gleiche Aussage treffen können, dass es keinen signifikanten Unterschied zwischen Dehnung und keiner Dehnung gibt.

Abb.6: Auswertung rechtes Bein

Im folgenden wurde ein Balkendiagramm erstellt, das alle Mittelwerte der Kraft der linken und rechten Seite darstellt. Man kann erkennen, dass es einen Kraftanstieg nach der Erwärmung gab und einen Abfall der Leistung nach dem Dehnen, jedoch sind diese Unterschied zu klein um daraus eine genaue Aussage zu treffen. (ve = vor Erwärmung, ne= nach Erwärmung, nd = nach Dehnung)

Abb7.: Gesamtdarstellung der Ergebnisse

4. Diskussion

Verlaufs- und Methodenkritik

Unser Forschungsprojekt wies hinsichtlich des Verlaufs und der Methodik einige Fehlerquellen auf, die es zu kritisieren gibt. Zum einen lief der Ablauf der Forschung nicht reibungslos ab, da der Isomed 2000 sich nicht automatisch auf die einzelnen Probanden einstellen ließ und somit, bevor die Messungen vorgenommen werden konnten, alle Einstellungen nochmal manuell eingestellt werden mussten. Zum anderen konnte die Flimmerverschmelzungsfrequenz, mit der man die Reaktionen des Gehirns auf die Muskelaktivitäten hätte untersuchen können, aufgrund eines Defektes am Gerät nicht gemessen werden. Ein weiteres Problem war die geringe Anzahl der Probanden. Demnach konnte man die Probanden nicht in Versuchs- bzw. Kontrollgruppe einteilen, sondern war gezwungen, das rechte Bein als Versuchsmerkmal und das linke Bein als Kontrollmerkmal zu nehmen. Außerdem war es als Versuchsleiter schwer zu kontrollieren, ob die Durchführung von den Probanden mit maximaler Anstrengung und Motivation absolviert wurde. Desweiteren ist zu kritisieren, dass der Isomed 2000 die Werte der Durchführung nur in 5 Millisekunden Abständen anzeigt und man somit bei der Auswertung bei manchen Wiederholungen den genauen Zeitpunkt, wo die konzentrischen Streckung des Beinstreckers beginnt und endet, nicht kennt. Demnach ist die Zeitspanne um paar Millisekunden verzerrt.

Interpretation

Wir vermuten, dass die Ergebnisse beim linken Bein ungenau sind, da der größte Teil der Probanden ein starkes rechtes Bein besitzt und es ihnen somit besser gelungen ist, die Bewegung mit dem rechten Bein durchzuführen als mit dem linken Bein, da sie mehr Sicherheit beim Bewegen der rechten Seite hatten. Dann könnte die Motivation der Probanden, wie schon in der Verlaufs- und Methodenkritik erwähnt, eine entscheidene Rolle für die verschiedenen Kraftwerte gespielt haben. Eventuell wurde nämlich die Kraftmessung nicht mit voller Kraft durchgeführt, sich nicht richtig auf dem Laufband erwärmt oder die Dehnung wurde nicht intensiv genug vollzogen. Abgesehen nun von den ungenauen Ergebnissen sind uns außerdem Zweifel aufgekommen, ob die Bewegung am Isomed 2000 mit der Schussbewegung beim Fußball gleichzusetzen ist beziehungsweise ob man die Ergebnisse auf unsere Hypothese bezüglich der Schusskraft zurückführen kann, da man aus unserer Sicht im Gegensatz zur freien Schussbewegung im Fußball nur eine begrenzt freie Bewegung am Isomed 2000 vollziehen kann.

5. Zusammenfassung

Wie man aus unserem Ergebnis entnehmen kann, konnte unsere Forschungshypothese, auch wenn sich die Schnellkraft bei einigen Probanden nach dem Dehnen leicht verschlechtert hat, statistisch nicht bestätigt werden. Dies könnte jedoch an den schon in der Diskussion genannten Gründen gelegen haben. Es wäre somit hinsichtlich unseres Forschungsthema zukünftig empfehlenswert, die in unserer Forschung enstandenen Fehlerquellen zu beseitigen bzw. zu verhindern um zu einem signifikanten Ergebnis zu gelangen.

6. Literatur

  • Bisanz, G. & Gerisch G. (2013). Fußball- Kondition • Technik • Taktik und Coaching. (2., überarbeitete Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer Verlag.
  • Hillebrecht, M. (2013). Dehnen und Kraftverhalten (Vol. 3). LIT Verlag Münster.
  • Turbanski, S. (2005). Aufwärmeffekte von Stretching in Sportarten und Disziplinen mit Schnellkraftanforderungen. Leistungssport, 35(2), 20-23.
  • Will, H. (Hrsg.). (2009). Handbuch Rehabilitationssport (4. Aufl.). Hannover: Neuer Start. S. 123 - 125.

7. Abbildungsverzeichnis

fm/ps_fometh2/ss2014/fmp1406.txt · Zuletzt geändert: 18.12.2014 11:08 von Dario Tokur
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