QFM16 Review Einfluss des Dehnens auf Kraftfähigkeiten beim Fussball

Modul-Icon QFM16
Veranstaltung Seminar Quantitative Forschungsmethoden
Autor Ewgeni Neufeld, Marius Rentschler und Philipp Collot
Thema Einfluss des Dehnens auf Kraftfähigkeiten beim Fussball
Bearbeitungsdauer ca. 40 Minuten
Präsentationstermin 06.07.2015
Zuletzt geändert 29.07.2015


Einleitung

Wer die Entwicklung der Trainingslehre bzgl. des Dehnens in den letzten drei Jahrzehnten verfolgt hat, kann bestätigen, dass kaum ein anderes Thema so kontrovers in der Sportwissenschaft diskutiert wurde. In diesem jahrzentelangem Prozess wurden sowohl die Kritik am Dehnen als auch dessen vermeintliche Vorteile immer wieder reflektiert und daraufhin neuen Studien unterzogen. Dehnen ist ein Ritual eines jeden Fussballers, doch ob das positive Effekte auf die Kraftfähikeit im Bezug auf Sprung-, Antritt- und Bewegungsschnelligkeit hat ist aktuell sehr umstritten. Das folgende Review beschäftigt sich mit dem Einfluss des Dehnens auf Kraftfähigkeiten beim Fussball.

Das Dehnen wird in statisches und dynamisches Dehnen differenziert. Für das statische Dehnen wird, in der Literatur, häufig der Begriff Stretching verwendet. Das Stretching ist im deutschen Sprachraum als Dehnungsmethode definiert, bei der die Dehnposition langsam eingenommen und dann über einen Zeitraum von 10 bis 60 Sekunden gehalten wird. In der Literatur wird sie daher als statisches Dehnen bzw. als Dauerdehnung bezeichnet. (vgl. Ullrich & Gollhofer, 1994). Dem gegenüber steht das dynamische Dehnen, welches durch schwungvolle und rhythmische Kontraktion aus einer verstärkten Vordehnung durchgeführt wird. Dabei wird die Dehnposition durch eine federnde Bewegung immer wieder erweitert.

Eine Weitere, für unseren Kontext interessante Größe, ist die Maximalkraft. Die Maximalkraft wird definiert als die höchstmögliche willkürliche Kraft, die das Muskel-Nervensystem bei maximaler Kontraktion auszuüben vermag. Sie ist abhängig vom Muskelquerschnitt und von der intramuskulären und intermuskulären Koordination. Ihre Verbesserung erreicht man über die Förderung einer dieser drei Komponenten. (vgl. Weineck, 2004).

Die kurzfristigen negativen Effekte von Dehnen auf die sportliche Leistung sind in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen worden Im Prinzip kommen drei Mechanismen für diese Effekte in Frage:

  1. Veränderungen der biomechanischen Eigenschaften des Muskel-Sehnen-Komplexes
  2. Periphere neuromuskuläre Veränderungen
  3. Zentrale psychophysiologische Desaktivierungsprozesse

(vgl. Wiemeyer,2003, S.1)

verfasst von Ewgeni Neufeld

Aktueller Forschungsstand

Vorwissen Dehnen & Kraft

Nach anfänglicher Kritik an dem dynamischen Dehnen und der Befürwortung des statischen Dehnens kam es Ende der 90er Jahre zum Umdenken. Zahlreiche Studien haben einen signifikanten Abfall der Maximalkraft nach einer statischen Dehnintervention nachgewiesen. Die Empfehlung lautete ab da an „Dynamisches Dehnen“. Die Ergebnisse der Studien zeigten aber geringsten falls kurzfristig negative Effekte statischen Dehnens auf die Kraftleistungen, welche mit anschließenden Maximalkontraktionen wieder behoben werden können. Die aktuellsten Studien belegen sogar einen Leistungszuwachs nach einem Statischen Dehnprogramm.

Folgend wird eine Übersicht auf die Studienlage der letzten Jahre verschafft.

Tab. 1: Übersicht Studienlage Teil 1
Untersuchungsziele Ergebnisse
Kokkenen (1998) Messung der Maximalkraft nach passiv- und aktivstatischer DehnungSignifikanter Kraftabfall: -7,3 bis -8,1%
Young & Elliot (2001) Aufwärmeffekte von Stretching und Contract-Release-Dehnunggeringere Sprunghöhen nach Stretching
Wiemeyer (2002) Aufwärmeffekte von Stretching auf die Sprungleistung Kraftabfall: -3,1 bis -5,3%
Wiemeyer (2003) Vergleich von Stretching und psychophysiologischer Entspannung Reduktion der Sprunghöhe um 2,6%
Jones & Sutlive (2001) aktiv- und passivstatisches Dehnen Durchschnittlicher Kraftabfall: -4,3%
Nelson & Kokkenen (2001) aktives und passives intermittierendballistisches Dehnen Signifikanter Kraftabfall: Beuger -7,5%; Strecker -5,6%
Avela, Kyröläinen & Komi (1999) Passives Dehnen Signifikanter Kraftabfall: -23.2%
Nelson et al. (2001) Passives Dehnen Signifikanter Kraftabfall: durchschnittlich -7%

Wie man der Tabelle entnehmen kann, zeigt die Studienlage der letzten Jahre, dass unterschiedlichste Dehninterventionen vor einer Belastung, negativen Einfluss auf die Kraftleistungen haben.

Tab. 2: Übersicht Studienlage Teil 2
Autor(en) Dehnintervention Abhängige Variable Ergebnisse
Rubini, Costa & Gomes (2007)passivstatisches und Contract-Relax Stretching(Review)Signifikanter Kraftabfall: -4.5 bis -28%
Shrier (2004)Contract-Relax und passivstatischem StretchingSprunghöhe von CMJ & Drop JumpsKraftabfall: -2 bis -5%

Shrier (2004) untersuchte mittels einer systematischen Review, anhand von neun Studien, den Effekt von chronischem Stretching auf die Kraft. Sieben der eingeschlossenen Studien zeigten eine klinische Evidenz für Stretching, um die willkürliche maximale Kontraktion, isokinetische konzentrische und exzentrische Maximalkraft und den CMJ zu verbessern. Zwei der eingeschlossenen Studien zeigten weder eine Verbesserung, noch eine Verschlechterung der Kraft durch Stretching. In einer anderen Studie von Shrier (2005) wird erwähnt, dass die Leistungsverbesserung der Maximalkraft durch Stretching zwischen zwei und fünf Prozent variiert. Rubini u.a.(2007) vermuten einen klinischen Effekt für chronisches Stretching auf die Kraft, obwohl der akute Effekt auf die Kraft negativ ist.

Es wird vermutet, dass die Verbesserung der Maximalkraft durch Stretching auf eine muskuläre Hypertrophie zurückzuführen ist (Klinge u.a.,1997; Kokkonen, Nelson, Eldredge, & Winchester,2007). Es wurde an Tieren gezeigt, dass eine kontinuierlich applizierte Dehnung während zehn Tagen eine Vermehrung der Myoblasten verursachen kann (Day u.a.,1997). Gezeigt wurde zudem, dass durch 30 Minuten tägliches Stretching die Anzahl der Sarkomere zunimmt (Williams,1990). Stauber u.a.(1994) entdeckten, dass die Muskelmasse bei Ratten nach dreimal dehnen pro Woche während vier Wochen, um 13% zunimmt.

verfasst von Ewgeni Neufeld

Literaturrecherche

Mit Hilfe der Suchmaschinen google scholar & pubmed sowie mit der Suchfunktion der ULB Darmstadt wurde nun Literatur in Form von Studien oder Büchern für eine Zusammenfassung des Forschungsstandes gesucht. Folgende Suchbegriffe wurden für die Literatursuche verwendet:

  1. Stretching AND Soccer
  2. Static Stretching AND Soccer
  3. Dynamic Stretching AND Soccer
  4. Strength, Soccer AND Stretching
  5. Maximum Strength, Soccer AND Stretching

Studien die keinen Zusammenhang mit Fussball hatten wurden ausgeschlossen. Gleiches galt für Studien die sich nicht auf den Zusammenhang zwischen Kraftfähigkeiten und Dehnen im Fussball bezogen, sondern nur eine der beiden Komponenten in Betracht zogen. Da diese Kriterien nur von einer Hand voll Studien erfüllt wurde, wurde die Suche erweitert und Studien, die mit fussballerisch relevanten Fähigkeiten im Zusammenhang mit Kraft stehen, (Spitzendrehmoment Knie, Beinstreckerkraft, Schnellkraft Beine) hinzugefügt.

verfasst von Marius Rentschler

Überblick erfasste Studien

Tab. 3: Übersicht aktueller Studien
Studie Inhalt/Hypothese Zeitraum Probanden Messmethoden Dehnmethoden
Effekte verschiedener Dehnprogramme auf die Hochgeschwindigkeitsmotorik bei professionellen Fussballern von T. Little und A.G. Williams (2006) Einfluss dreier verschiedener Dehnprotokolle in der Aufwärmphase auf wichtige Formen der Hochgeschwindigkeitsmotorik im Fussball (Maximalkraft Beine, Beschleunigung, Agilität, v/max) 3 separate Testtage in einer Woche in der Saison 2001/2002 18 professionelle Fussballer aus einem Premier League Club 3 „Indoortests“:
- 30m Linearsprint
- 45m Sprint mit Richtungswechsel
- Vertikalsprungtest
Messinstrumente: Kraftmessplatte & Lichtschranken
4min Aufwärmen
6min 20 Sek Dehnen: 30 Sek pro Muskelgruppe
Dehngruppen:
- Statisches Dehnen
- Dynamisches Dehnen
- kein Dehnen
Einfluss von statischem und dynamischen Dehnen auf Muskelaktivität des Quatrizeps während eines Spannschusses im Fussball von M. Amiri-Khorasani und E. Kellis (2013) Vergleich der Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf die Quadrizeps Aktivierung während eines maximalen Spannschusses beim Fussball 2 separate Testtage in einer Woche der Saison 2010-2011 12 männliche College Fussballer (19+-0,83 Jahre) Labortest: 5 Spannschüsse mit 3m Anlaufe gegen ein 3m entferntes 1x1m Ziel, Messung durch: Infrarotkameras & EMG hinterer Oberschenkel 4min Aufwärmen 30Sek statisches Dehnen oder 30sek dynamisches Dehnen
Effekte von 30sek. statischem und dynamischen Dehnen auf die Kraft des Beinstreckers von T. Yamaguchi (2005) Hypothese: statisches Dehnen für 30sek reduziert die Leistung der Beinstreckung nicht, dynamisches Dehnen verbessert die Leistung der Beinstreckung hingegen Ein Testtag im Jahr 11 trainierte College Studenten (22,8 +-0,8 Jahre) Labortest: Beinstreckungsmessgerät (ähnlich Beinpresse mit Gewicht) berechnet Explosivität der Beinstreckung, Mittelwerte aus den beiden besten Ergebnissen 3 Dehnmethoden: 30Sek statisches Dehnen oder 30sek dynamisches Dehnen pro Bein, kein Dehnen
Akute Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf die Hüftbeweglichkeit während eines Spannschusses von M. Amiri-Khorasani, N.A. Abu Osman und A. Yusof (2011) Hypothese: Dynamisches Dehnen verbessert den vollen Bewegungsumfang (ROM) des Hüftgelenks während des Spannschusses. 3 nicht aufeinanderfolgende Testtage in einer Woche 18 Professionelle Fussballer der iranischen Premier League (19.22 +-1,83 Jahre) Labortest: 5 Spannschüsse mit maximaler Geschwindigkeit auf 11m entferntes 2x2m Objekt, Messung mit 4 Digitalkameras aus verschiedenen Winkeln 4min Aufwärmen,4min Dehnen 3 unterschiedliche Dehnmethoden: 30Sek statisches Dehnen, 30sek dynamisches Dehnen, kein Dehnen
Akute Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das Spitzendrehmoment bei Fussballspielern von A. Zakas, G. Doganis, V. Papakonstandinou, T. Sentelidis und E. Vamvakoudis (2005) Untersuchung der Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das isokinetische Spitzendrehmoment bei Fussballspielern 3 nicht aufeinanderfolgende Testtage in einer Woche 14 semi -professionelle Fussballer (18.5 +-0,6 Jahre) aus der ersten griechischen Liga Labortest: ROM Test Kniewinkel mit Flexometer , isokinetischer Test mit Cybex NORM Isokinet 5min Aufwärmen,3 statische Dehnprotokolle des Quadrizeps: 1x30s statisches Dehnen, 10x 30s statisches Dehnen, 16x30s Statisches Dehnen
Akute Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das Spitzendrehmoment bei pubertierenden Fussballspielern von A. Zakas, G. Doganis, C. Galazoulas und E. Vamvakoudis (2006) Untersuchung der Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das isokinetische Spitzendrehmoment bei pubertierenden Fussballspielern 2 nicht aufeinanderfolgende Testtage in einer Woche 16 jugendliche Fussballer (13 +-0,5 Jahre) Labortest: ROM Test Kniewinkel mit Goniometer , isokinetischer Test mit Cybex NORM Isokinet 5min Aufwärmen,2 statische Dehnprotokolle des Quadrizeps: 3x 15s statisches Dehnen, 20x 15s statisches Dehnen
Akute Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf Spitzendrehmoment, EMG und MMG des Biceps Femoris von T.J. Herda, J.T. Cramer, E.D. Ryan, M.P. McHugh und J.R. Stout (2008) Untersuchung der der akuten Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf Spitzendrehmoment, EMG und MMG Amplitude des Biceps Femoris Muskel während einer willentlich ausgeführten maximalen Muskelkontraktion der Beinbeuger bei 4 verschiedenen Kniewinkel k.A. vermutlich ein Testtag 14 Männer (25 +-4 Jahre) Labortest: EMG und MMG von Biceps Femoris, Spitzendrehmomente mit Isokinet 9.20 min statisches Dehnen und 9.10min dynamisches Dehnen der hinteren Oberschenkel, jede Übung ca 30sek halten
Abb.1: Beispielbilder aus den Studien.

verfasst von Marius Rentschler

Messmethoden

Um den Einfluss des Dehnens auf die Kraftfähigkeit zu messen, können zahlreiche Methoden angewandt werden. Die am Häufigsten verwendeten Methoden in der Forschung zur Kraftfähigkeit beim Fussball, werden im folgenden Kapitel näher erläutert.

Die wichtigste und am meisten verwendete Messmethode stellt die Elektromyographie (EMG) dar. Die EMG ermöglicht eine Messung der elektrischen Aktivität, den sogenannten Aktionspotentialen, eines Muskels und wird als Einheit für die neuromuskuläre Aktivität angesehen (vgl. Huppelsberg und Walter, S.271). Hierbei können zwei Arten von EMG differenziert werden. Zum einen handelt es sich um die Oberflächenelektroden, diese können frei auf der Haut aufliegen. Bei der zweiten Art spricht man von den sogenannten Nadelelektroden, diese müssen direkt in den Muskel eingestochen werden. Bei der Messung mit Oberflächenelektroden ist zu erwähnen, dass es sich auf Grund der Überlagerung von Aktionspotentialen eines Areals stets um eine summarische Repräsentanz von Muskelaktivitäten zahlreicher motorischer Einheiten handelt (vgl. De Marées, S.181).

Auch Kraftmessplatten (Dynamometrie) sind ein wichtiger Bestandteil zur Messung der Kraftfähigkeit. Kraftmessplatten dienen als Grundlage zur Bestimmung von Bodenreaktionskräften und Drehmomenten. Demnach lassen sich hiermit Kräfte messen, die beim Stehen, Gehen, Laufen und Springen zwischen den Füßen und dem Boden wirken.

Eine weitere Methode, die insbesondere im Fussball hohe Resonanz findet, stellen Hochgeschwindigkeitskameras dar. Diese Kameras zeichnen sich durch ihre Bildwiederholrate aus, die deutlich über den normal vorhandenen 25 fps (frames per second = Bilder pro Sekunde) liegen. Hochgeschwindigkeitskameras ermöglichen demnach eine Beobachtung von Prozessen, die für das menschliche Auge oder eine übliche Kamera nicht möglich sind. Mit dieser Art der Messung kann nicht direkt auf die Kraftfähigkeit geschlossen werden, dennoch ist sie ein wichtiger Baustein zur Messung von Zeit und Bewegungen und der damit verbundenen Kraftfähigkeit.

Die Lichtschrankenmessung ist eine weitere Messmethode, um die Schnelligkeit messen zu können. Hierbei werden Lichtschranken benötigt, um bei einem fliegenden Start die Zwischen- und die Endzeiten messen zu können. Diese Daten werden über Funk direkt an einen Monitor weitergeleitet. Diese Art der Messung ist vollständig kabellos und deshalb besonders zügig aufgebaut und einsatzbereit.

Des Weiteren gewinnen isokinetische Messverfahren zur Feststellung von Muskelkraft an Bedeutung. Das Wort Isokinetik steht für gleichbleibende Bewegung, in diesem Fall des Messverfahrens für gleichbleibende Bewegungsgeschwindigkeit. Das in den Studien genutzte Cybex NORM Isokinet Messgerät ist ein isokinetisches Trainings- und Therapiegerät. In Kliniken und Rehazentren werden diese Messgeräte zur Diagnose und Therapie verwendet. In Olympiastützpunkten, Hochleistungssportanlagen und Forschungseinrichtungen hingehen, dienen sie als Ergänzung von Leistungsdiagnostik und Training.

verfasst von Philipp Collot

Ergebnisse

Die nachfolgende Tabelle bietet einen Überblick über die Ergebnisse für die im Wiki-Modul ausgewählten Studien.

Tab. 4: Übersicht Studienergebnisse
Studie und Autor(en) Ergebnisse
Akute Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf die Hüftbeweglichkeit während eines Spannschusses von M. Amiri-Khorasani, N.A. Abu Osman und A. Yusof (2011) Kein signifikanter Einfluss des Dynamikbereiches nach der dynamischen Dehnung verglichen mit der statischen Dehnung relativ zu der Probandengruppe ohne Dehnung während der Rückschwungphase. Signifikant positiver Einfluss des Dynamikbereiches nach der dynamischen Dehnung verglichen mit der statischen Dehnung relativ zur Probandengruppe ohne Dehnung während der Vorschwungphase (p=0,03). Fazit: Höherer Dynamikbereich beim Spannschuss durch dynamisches Dehnen in Verbindung mit Warm-up Übungen.
Akute Effekte von statischem und dynamischen Dehnen auf Spitzendrehmoment, EMG und MMG des Biceps Femoris von T.J. Herda, J.T. Cramer, E.D. Ryan, M.P. McHugh und J.R. Stout (2008) Der isometrische Drehmoment hat bei statischem Dehnen bei einem Winkel von 81 und 101 Grad einen geringen Abfall zu verzeichnen, bei dynamischem Dehnen kommt es zu keiner Veränderung. Die EMG-Amplitude bleibt bei statischem Dehnen unverändert, beim dynamischen Dehnen hingegen steigt die EMG-Amplitude bei einem Winkel von 81 und 101 Grad an. Fazit: Die Reduzierung der Kraft nach statischem Dehnen resultiert überwiegend von mechanischem als von neuralen Mechanismen des musculus biceps femoris. Resultierend ist zu erwähnen, dass dynamisches Dehnen im Vergleich zu statischem Dehnen einen geringeren negativen Einfluss auf die Maximalkraft des Beinbeugers nimmt.
Einfluss von statischem und dynamischen Dehnen auf Muskelaktivität des Quatrizeps während eines Spannschusses im Fussball von M. Amiri-Khorasani und E. Kellis (2013) Die Analyse der Varianzdesigns zeigt eine Zunahme der Winkelgeschwindigkeit der Kniestreckung, musculus rectus femoris, musculus vastus medialis und musculus vastus lateralis EMG-Aktivität nach dynamischem Dehnen. Fazit: Basierend auf diesen Ergebnissen kann angenommen werden, dass dynamisches Dehnen einen positiven Einfluss auf die Muskelaktivität und die Winkelgeschwindigkeit der Kniestreckung, während der Endphase eines Spannschusses, hat.
Effekte der Dehnungsart (dynamisches Dehnen, statisches Dehnen und ohne Dehnen) auf vertikale Sprungkraft und Geschwindigkeit bei Fussballspielern von T. Little und A.G. Williams (2006) Kein signifikanter Einfluss der verschiedenen Dehnungsarten auf die vertikale Sprungkraft. Dynamisches Dehnen hat einen signifikant positiven Einfluss auf die Zeit eines 10m-Sprints im Vergleich zu ohne Dehnprogramm. Dynamisches und statisches Dehnen haben einen signifikant positiven Einfluss auf die Zeit bei einem fliegendem 20m-Sprint im Vergleich zu ohne Dehnprogramm. Dynamisches Dehnen hat einen signifikant positiven Einfluss auf die Beweglichkeitsleistung bei Sprints mit Richtungswechsel im Vergleich zu statischem und ohne Dehnen. Fazit: Ein Warm-up mit integriertem statischem Dehnen hat keinen Nachteil auf die High-Speed-Performance der Leistungssportler. Jedoch stellt sich heraus, dass dynamisches Dehnen im Warm-Up am Effektivsten zur Vorbereitung einer Hochgeschwindigkeitsleistung ist.
Effekte von 30sek. statischem und dynamischen Dehnen auf die Kraft des Beinstreckers von T. Yamaguchi (2005) Die Analyse der Maximalkraft der Beinstrecker zeigt eine Steigerung der Maximalkraft bei einem Warm-up mit dynamischem Dehnen. Ein Warm-up mit statischem Dehnen und ohne Dehnen hat einen negativen Einfluss auf die Maximalkraft der Beinstrecker.
Akute Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das Spitzendrehmoment bei Fussballspielern von A. Zakas, G. Doganis, V. Papakonstandinou, T. Sentelidis und E. Vamvakoudis (2005) Die Ergebnisse der statistischen Analyse zeigen, dass ein kurzes statisches Dehnprogramm von 30 Sekunden in allen Winkelgeschwindigkeiten keinen Einfluss auf den Spitzendrehmoment nimmt. Bei einem längeren Dehnprogramm von 5 bis 8 Minuten kommt es zu einer Reduzierung des Spitzendrehmoments bei allen Winkelgeschwindigkeiten. Fazit: Die Ergebnisse legen nahe, dass ein kurzes statisches Dehnprogramm (Dauer: 30 Sekunden) im Vergleich zu einem längeren statischen Dehnprogramm (Dauer: 5 bis 8 Minuten) keinen Einfluss auf den Spitzendrehmoment nimmt.
Akute Effekte der Dauer von statischem Dehnen auf das Spitzendrehmoment bei pubertierenden Fussballspielern von A. Zakas, G. Doganis, C. Galazoulas und E. Vamvakoudis (2006) Ein statisches Dehnprogramm mit einem Umfang von 45 Sekunden hat einen signifikant positiven Einfluss auf den Bewegungsbereich der Kniebeuger und löst keine Reduzierung des Spitzendrehmoments der quadrizeps Muskelgruppe aus. Ein statisches Dehnprogramm mit einer Dauer von 5 Minuten hat einen signifikant positiven Einfluss auf den Bewegungsbereich der Kniebeuger, löst aber umgekehrt eine Reduzierung des Spitzendrehmoments der quadrizeps Muskelgruppe aus. Fazit: Das Spitzendrehmoment wird bei statischem Dehnen durch die Dauer der Dehnung beeinflusst.

verfasst von Philipp Collot

Diskussion

Nach aktuellem Forschungsstand besagen zahlreiche Studien einen signifikanten Abfall der Maximalkraft direkt nach einem statischen Dehnprogramm, aber eine Steigerung der Maximalkraft auf mittlere Frist. Die aktuelle Literatur weist darauf hin, dass dynamisches Dehnen im Vergleich zu statischem Dehnen einen positiven Einfluss auf die Kraftfähigkeit hat. Hinsichtlich dieses Aspektes ist zu untersuchen, ob Dehnen einen signifikanten Einfluss auf die relevanten Kraftfähigkeiten beim Fussball nehmen kann. Auf diese Fragestellung gehen wir mit den von uns ausgewählten Studien dieses Wiki-Moduls ein.

Die Ergebnisse der Studien von Zakas et al. (2005) und Zakas et al. (2006) zeigen auf, dass ein statisches Dehnprogramm (Dauer: ab ca. 5 Minuten) einen negativen Einfluss auf den Spitzendrehmoment im Knie nimmt und demnach einen negativen Einfluss auf die für den Spitzendrehmoment zuständigen Beinbeuger hat. Auch T. Yamaguchi (2005) stellt mit seinen Ergebnissen klar, dass statisches Dehnen einen negativen Einfluss auf die Maximalkraft der Beinstrecker nimmt. Diese Ergebnisse der negative Effekte von statischem Dehnen auf die Kraftfähigkeit werden durch die Studien von Herda et al. (2008) und Amiri-Khorasani et al. (2011) belegt.

Wie bereits im Verlauf des Moduls erwähnt, hat ein dynamisches Dehnprotokoll einen positiven Einfluss auf den Dynamikbereich der Bewegung des Beines beim Spannschuss im Fussball (vgl. Amiri-Khorasani et al., 2011). Des Weiteren wurde mit Hilfe der Studien belegt, dass ein dynamisches Dehnprogramm positive Auswirkungen auf die Maximalkraft der Beinbeuger hat (vgl. Herda et al. (2008) und T. Yamaguchi (2005)). Die Ergebnisse der Studie von Amiri-Khorasani et al. (2013) zeigen auch auf, dass die dynamische Dehnung einen positiven Einfluss auf die Winkelgeschwindigkeit der Kniestreckung während der Endphase eines Spannschusses nimmt. Die Ergebnisse der behandelten Studien sind deshalb von hoher Relevanz, da die Untersuchungen, in Ausnahme der Studie von T. Yamaguchi (2005), alle einem sehr ähnlichem Dehnprotokoll unterzogen wurden und demnach die Ergebnisse gut zu belegen sind.

Dennoch ist es wichtig die behandelten Studien kritisch zu hinterfragen. Die Studien wurden alle mit einer geringen Anzahl von Probanden (zwischen 11 und 18 Probanden) durchgeführt, dies ist für derartige Tests nicht ausreichend um Messfehler ausschließen zu können. Auch die Ermüdung der Probanden kann bei der Fehleranalyse einen großen Einfluss auf die Untersuchungsergebnisse haben und sollte demnach Beachtung geschenkt werden. Des Weiteren können die Ergebnisse der Studien untereinander nur schwer verglichen werden, da die Untersuchungen mit verschiedenen Messmethoden durchgeführt wurden. Auch die Vielfalt der gemessenen unterschiedlichen Kraftfähigkeiten lässt einen Spielraum der kritischen Hinterfragung der Ergebnisse zu. Des Weiteren wurden in den vorhandenen Studien nur die kurzfristigen Effekte gemessen, interessant wäre der Ansatz der langfristigen Effekte.

verfasst von Philipp Collot und Marius Rentschler


Fazit und Ausblick

Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass dynamisches im Vergleich zu statischem Dehnen einen kurzfristigen positiven Einfluss auf die für die im Fussball relevanten Kraftfähigkeiten nimmt. Dennoch muss erwähnt werden, dass auf Grund der geringen Probandenanzahl der jeweiligen Studien und der nur kurzfristig betrachteten Ergebnisse, keine allgemeinen Rückschlüsse auf die langfristigen Effekte von Dehnen auf die Kraftfähigkeiten im Fussball geschlossen werden können. Demnach sollten zukünftige Studien über einen längeren Forschungszeitraum durchgeführt und die Probandenanzahl deutlich erhöht werden, um allgemeingültige Aussagen über den Einfluss von Dehnen treffen zu können. Im Endeffekt ist aber festzuhalten, dass die bisher vorhanden Studien hinsichtlich diesem Forschungsansatzes positive Tendenzen bezüglich dem Zusammenhang von dynamischen Dehnen und Kraftfähigkeiten aufzeigen.

verfasst von Philipp Collot und Marius Rentschler

Fragen

1. Was besagt die aktuelle Studienlage über Kraft und Dehnen?

2. Wie sieht ein mögliches Dehnprogramm mit statischem oder dynamischen Dehnen im Fußball aus(Beispielhaft)?

3. Ist dynamisches Dehnen im Fußball im Endeffekt besser als statisches Dehnen ?

Literatur

Avela J, Kyröläinen H, Komi PV: Altered reflex sensitivity after repeated and prolonged passive muscle stretching. J Appl Physiol 86 (1999) 1283-1291

De Marées, H. (2003). Sportphysiologie. Köln: SPORTVERLAG Strauss.

Herda, TJ., Cramer, J., Ryan, E., McHugh ,M. & Stout, J. (2008) Acute effects of static versus dynamic stretching on isometric peak torque, electromyography, and mechanomyography of the biceps femoris muscle. Journal of Strength and Conditioning Research, 22(3), 809-817.

Huppelsberger, J. & Walter, K. (2005). Kurzlehrbuch Physiologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.

Jones K, Sutlive V (2001). Report: An independent replication of the Kokkonen et al. (1998) study: Acute muscle stretching inhibits maximal strength. Res Quart Exerc Sport 72 Suppl, A-16.

Kokkonen J, Nelson AG, Cornwell A: Acute muscle stretching inhibits maximal strength performance. Res Quart Exerc Sport 69 (1998) 411-415.

Little, T. & Williams, A. (2006). Effects of differential stretching protocols during warm-ups on high-speed motor capacities in professional soccer players.Journal of Strength and Conditioning Research, 20(1), 203-207.

Mohammadtaghi, A-K., Eleftherios, K. (2013) Static vs. Dynamic Acute Stretching Effect on Quadriceps Muscle Activity during Soccer Instep Kicking. Journal of Human Kinetics, 39(1), 37–47.

Mohammadtaghi, A-K., Eleftherios, K. (2011) Acute Effect of Static and Dynamic Stretching on Hip Dynamic Range on Motion During Instep Kicking in Professional Soccer Players. Journal of Strength and Conditioning Research, 25(6), 1647 – 1652.

Nelson AG, Kokkonen J (2001): Acute ballistic muscle stretching inhibits maximal strength performance. Res Quart Exerc Sport 72 415-419.

Nelson AG, Allen JD, Cornwell A, Kokkonen J: Inhibition of maximal voluntaryis ometric torque production by acute stretching is joint-angle specific. Res Quart Exerc Sport 72 (2001) 68-70.

Rosenbaum D, Hennig EM (1997): Veränderung der Reaktionszeit und Explosivkraftentfaltung nach einem passiven Stretchingprogramm und 10minütigem Aufwärmen. Dtsch Z Sportmed 48 95-99.

Rubini, E. C., Costa, A. L., & Gomes, P. S. (2007). The effects of stretching on strength performance. Sports medicine, 37(3), 213–224.

Shrier, I. (1999). Stretching before exercise does not reduce the risk of local muscle injury: a critical review of the clinical and basic science literature. Clinical Journal of Sport Medicine, 9(4), 221.

Shrier, I. (2004). Does stretching improve performance?: a systematic and critical re-view of the literature. Clinical Journal of Sport Medicine, 14(5), 267.

Shrier, I. (2005). When and whom to stretch? Gauging the benefits and drawbacks for individual patients. The Physician and sportsmedicine, 33(3), 22.

Turbanski (2003). Aufwärmeffekte von Stretching in Sportarten und Disziplinen mit Schnellkraftanforderungen

Turbanski, S. (2002). Einfluss von Dehnung und Maximalkontraktionen auf die Bewegungsschnelligkeit Unveröffentlichte Magisterarbeit. Frankfurt a, M.

Turbanski, S. (2003). Stretching zum Aufwärmen? Sport Praxis, 47 (4), 4-7.

Ullrich, K. & Gollhofer, A. (1994). Physiologische Aspekte und Effektivität unterschiedlicher Dehnmethoden. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 46 (9), 336-345.

Wiemeyer J (2002). Stretching – eine sinnvolle Vorbereitungsmaßnahme im Sport? Kritische Diskussion kurz-, mittel- und langfristiger Effekte statischen Dehnens. Spectrum der Sportwissenschaften 14 , 53-80.

Wiemeyer J (2002). Flimmerverschmelzungsfrequenz und zentralnervöse Aktivierung. Neurologie & Rehabilitation 8 , S. 29-34.

Wiemeyer J (2003). Dehnen reduziert auch die Weitsprungleistung. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge 44 , in Druck.

Yamaguchi, T.& Ishii, K. (2005) Effects of static stretching for 30 seconds and dynamic stretching on leg extension power. The Journal of Strength and Conditioning Research, 19(3), 677-683.

Young W, Elliott S: Acute effects of static stretching, proprioceptive neuromuscular facilitation stretching, and maximum voluntary contractions on explosive force production and jumping performance. Res Quart Exerci Sport 72 (2001) 273-279.

Zakas, A. , Doganis, G., Papakonstandinou, V., Sentelidis, T. & Vamvakoudis, E. (2006) Acute effects of static stretching duration on isokinetic peak torque production of soccer players. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 10(2), 89-95.

Zakas, A. , Doganis, G., Galazoulas, C. & Vamvakoudis, E. (2006) Effect of Acute Static Stretching Duration on Isokinetic Peak Torque in Pubescent Soccer Players. Pediatric Exercise Science, 18, 252-261.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb.1: Beispielbilder aus den Studien (Eigene Darstellung nach Yamaguchi, 2006, S.20; M. Amiri-Khorasani & E. Kellis, 2013, S.40&42 und T. Little & A.G. Williams, 2006, S.204.)

Tabellenverzeichnis

  • Tab. 1: Übersicht Studienlage Teil 1: Eigene Erstellung.
  • Tab. 2: Übersicht Studienlage Teil 2: Eigene Erstellung.
  • Tab. 3: Übersicht aktueller Studien: Eigene Erstellung.
  • Tab. 4: Übersicht Studienergebnisse: Eigene Erstellung.

Onlinequellen





Bewertung des Wiki-Moduls

Kategorie Ewgeni Neufeld Marius Rentschler Philipp Collot Anmerkungen
Inhalt (max. 10) 08 Pkt 08 Pkt 08 Pkt sehr ausführliche Tabelle und Literaturrecherche
Form (max. 5) 04 Pkt 04 Pkt 04 Pkt gute Übersichtlichkeit (trotz großer Informationsdichte)
Bonus (max. 2) 01 Pkt 01 Pkt 01 Pkt hoher Umfang des Reviews
Summe 13 Pkt 13 Pkt 13 Pkt 39 Pkt
Einzelbewertung 13/15=87% 13/15=87% 13/15=87% 39/45 = 87%
fm/quant_fometh/ss15_projekte/qfm16.txt · Zuletzt geändert: 17.08.2015 13:11 von Christian Schumacher
GNU Free Documentation License 1.3
Driven by DokuWiki Recent changes RSS feed Valid CSS Valid XHTML 1.0